30.06.2026 | Story
Dichtungsanforderungen entlang der H2-Wertschöpfungskette
In der Produktion und Verarbeitung, dem Transport und der Speicherung sowie der Nutzung des Wasserstoffs definieren die eingesetzten Medien und Tempera-turen die Anforderungen an die jeweiligen Dichtungslösungen. Hierbei reicht das Spektrum von unterschiedlichen Elektrolyseverfahren über die Kompression und Reinigung über den Transport und die Speicherung im gasförmigen oder flüssigen Zustand (kryogen) sowie in Derivaten wie Methanol oder Ammoniak bis zur Nutzung in Brennstoffzellensystemen (FC – Fuel Cell) oder Wasserstoff-verbrennungsmotoren (H2 ICE – Hydrogen Internal-Combustion-Engine).

Welche Dichtungsanforderungen gelten entlang der H2-Wertschöpfungskette?
Produktion: Elektrolyseure PEM, AEM, AEL und SOEC
Betriebsparameter und Risiken
Permeation
H2-Permeation erhöht den Verlust des Energieträgers und stellt gleichzeitig ein Sicherheitsrisiko dar. Hier sind Werkstoffformulierungen mit reduzierter Permeabilität wirksam – beispielsweise CIIR (Chlor-Isobuten-Isopren-Kautschuk), HNBR (Hydrierter Nitril-Butadien-Kautschuk), EPDM (Ethylen- Propylen-Dien-Kautschuk) und FKM (Fluorkautschuk). Wichtig ist in diesem Kontext, dass die material-spezifischen Permeations-Koeffizienten der Dichtungen anwendungsspezifisch simuliert und validiert werden.
Explosive Dekompression (RGD)
Überall dort, wo schnell wechselnde Drücke vor-herrschen – beispielsweise im Tank- oder Kompressoren Umfeld – ist der Einsatz von RGD-resistenten Werkstoffen erforderlich. Hierzu gehören unter anderem EPDM, FVMQ (Fluorsilikonkautschuk) und PVMQ (Phenyl Methyl Silikon). Die hier eingesetzten Materialien müssen über eine nachgewiesene RGD-Resistenz bis ≥ 700 bar verfügen.
Medienbeständigkeit
In der PEM-Elektrolyse müssen Dichtungen verdünnter Schwefelsäure und einer kontinuierlichen O2-Exposition standhalten. Zudem müssen hochreine Werkstoffe sicherstellen, dass keine Metallionen- Auslaugung erfolgen kann, die zu einer Ionenkontamination führen könnte.
In der AEL-Elektrolyse müssen Dichtungen einer 20-40-prozentigen Kalilauge standhalten. Zudem herrscht im konventionellen Temperaturbereich (Standard-AEL) eine Betriebstemperatur von 60 – 80 °C, im erhöhten Temperaturbereich (moderne/optimierte AEL) wird mit einer Betriebstemperatur von 80 – 90 °C gearbeitet und in der Hochtemperatur-alkalischen Elektrolyse (Advanced AEL) werden Betriebstemperaturen von 100 – 120 °C erreicht. In Forschungs- und Entwicklungsprojekten steigen die Betriebstemperaturen sogar bis auf 150 °C. Darüber hinaus herrscht hier ein Sauerstoffdruck von 35 – 40 bar. Für Dichtungsmaterialien bedeutet das, dass sie einer starken Oxidation mit daraus folgender beschleunigter Materialalterung ausgesetzt sind. Hier besitzt EPDM eine nachgewiesene Beständigkeit.
Temperaturbeständigkeit
Auch im Bereich der Temperaturbeständigkeit wer-den höchste Anforderungen an die eingesetzten Dichtungs-Werkstoffe gestellt. Die Umgebungsbedingungen reichen von <20 bis 80 °C beim Kaltstart eines PEM-Elektrolyseurs bis zu > 800 °C beim SOEC. Zudem müssen Temperprozesse optimiert werden, um das sogenannte „fuel cell poisoning“ zu vermeiden. Grundsätzlich ist auch die Geometrie der Dichtungen für eine perfekte Performance entscheidend. Sie müssen Druckverformungstests bestehen, die sämtliche Lastfälle inklusive der thermischen Zyklen berücksichtigen.
Werkstoff und Designempfehlungen
PEM-Stacks
- FKM ist ideal für die O2-Druckbeständigkeit geeignet
- EPDM/FKM-Formulierungen werden in über-formten Rahmen (Bonding-Systeme) für die robuste Montage und Dichtheit eingesetzt.
- Gut zu wissen: es gibt integrierte Stack-Rahmen- Dichtungen (L-/C-Querschnitt), die die Barrierewirkung unter Betriebsdruck verbessern. Bei der Montage hat der Querschnitt eine neuartige L-Form. Sobald der Elektrolyseur in Betrieb ist, steigt der Druck in seinem Inneren und aktiviert die Dichtung, die dann eine C-Form annimmt. So wird der Kontaktdruck der Dichtung erhöht und macht sie zu einer verlässlichen Barriere für Gase und Flüssigkeiten.
AEM-Stacks
- Hier liegt der Fokus auf Materialreinheit und Membranverträglichkeit
- EPDM bewährt sich beim Einsatz in der alkalischen Umgebung der AEM-Stacks
AEL-Stacks
- PTFE (Polytetrafluorethylen) und ePTFE-Dichtungen (expandiertes PTFE) halten dem anspruchsvollen Dauerkontakt mit Sauerstoff und Kaliumhydroxid stand.
- EPDM ist eine nachhaltige Alternative bei geeigneten Rahmenbedingungen.
Verarbeitung: Kompression, Reinigung und Aufbereitung
Komponenten und Parameterräume
Kolbenkompressoren (H2)
Kolbenkompressoren arbeiten in einem Druckbereich von 50-500 bar sowie 350–1000 bar. Dabei haben kleine Aggregate ein Lebensdauerziel von mehr als 1000 Stunden und große Aggregate sollen zwischen 8000 und 24000 Stunden volle Leistung erbringen. Die hier eingesetzten Dichtungssysteme (Kolben-ringe, Stangendichtungen, Packungen) müssen verschleißarm und absolut dicht sein und können dabei bereits auf den Einsatz von PFAS verzichten.
Scrollverdichter (Kompressoren und Vakuum-pumpen)
Scroll-Kompressoren und Scroll-Vakuumpumpen arbeiten in Druckbereichen von 1 – 2 bar und in einem Temperaturbereich von -35–110 °C. Klassisch werden hier Scrolldichtungen (Tip Seals) aus speziellem PTFE eingesetzt. Der Trend geht jedoch dahin, nach alter-nativen PFAS-freien Werkstoffen zu suchen.
Tribologie und Verschleiß
Um den reibungsbehafteten Wechselwirkungen zwischen den Oberflächen der Kompressoren, Reinigungs- und H2-Aufbereitungs-Prozessen optimal entgegenzuwirken, werden umfassende Prüfmethoden eingesetzt, die die Reibkoeffizienten sowie die lineare Abnutzung unter realistischen Bedingungen testen und optimieren. In diesen Einsatzbereichen zeigen die faserverstärkten Thermoplaste PEEK (Polyetheretherketon) und PPS-Compounds (Hochleistungsthermoplaste) eine niedrige Reibung und bieten damit eine verschleißarme Performance.
Transport und Speicherung: Gas, LH2 und Tankstellen
Komponenten und Parameterräume
Gas und Hochdruckspeicher
Für diese Elemente der H2-Wertschöpfungskette gelten die Anforderungen aus dem UN-Regelwerk R134 hinsichtlich der sicherheitsrelevanten Eigen-schaften von mit Wasserstoff und Brennstoffzellen betriebenen Fahrzeugen (HFCV) und Komponenten. Hier werden O-Ringe, Stützringe und Ventilstößel aus EPDM, FKM und NBR (Acrylnitril-Butadien-Kautschuk) eingesetzt, die über eine nachgewiesene RGD- Beständigkeit (Rapid Gas Decompression) verfügen.
H2-Flüssiggastransport bei -253 °C (kryogen)
Hier ist von entscheidender Bedeutung, dass die eingesetzten Werkstoffe und Beschichtungssysteme auch bei sehr niedrigen Temperaturen duktil bleiben. Deshalb benötigen Magnetsysteme und Kupplungen wasserstoffkompatible Oberflächen, die sich einer Versprödung (Embrittlement) bestmöglich wider-setzen.
Tankstellen und Betankung
Schnell wechselnde Druckprofile charakterisieren die Umgebungsbedingungen an Wasserstoff-Tankstellen und während der Betankung. Auch hier werden RGD-sichere Elastomere eingesetzt, die eine geringe Permeation sicherstellen. Für den reibungslosen Betrieb der Anlagen sollten regelmäßige Wartungsintervalle festgelegt werden.
Nutzung: Brennstoffzelle und Wasser-stoff-Verbrennungsmotoren (H2-ICE)
Komponenten und Parameterräume
Brennstoffzellen – AFC, PEMFC, PAFC, DMFC, MCFC, SOFC
Zum aktuellen Zeitpunkt werden die obigen sechs Arten von Wasserstoff-Brennstoffzellen global ein-gesetzt. Sie unterscheiden sich in den verwendeten Gasen, den Elektrolyte-Arten, der Betriebstemperatur sowie ihrem Leistungsvermögen und können an unterschiedliche Anforderungen angepasst wer-den. Die Betriebstemperaturen von LT-PEMFC liegen zwischen 60–80 °C, HT-PEMFC zwischen 120–180°C, PAFC arbeitet mit 160–220 °C, MCFC arbeiten mit 620–650 °C und SOFC mit 800–1000 °C. Hier werden Stack-Dichtungen aus EPDM, FCPO, FKM und LSR eingesetzt. Dabei sind die jeweiligen Werkstoffe nach folgenden Eigenschaften auszuwählen: ihrem Compression Set, ihrer Permeation sowie ihrer Medienbeständigkeit.
Gut zu wissen: um eine optimale Lebensdauer und Leistungsfähigkeit der Brennstoffzellen zu erreichen, verbessern integrierte Dichtungen an der Grenzfläche zwischen der Bipolarplatte und der Gasdiffusionslage den Abtransport von Flüssigwasser aus den Reaktionszonen.
Wasserstoff-Verbrennungsmotor (H2-ICE)
Der große Vorteil bei der Fertigung von H2-Verbrennungsmotoren liegt in der robusten Technologie sowie der schnellen Markteinführung. Gleichwohl müssen für den sicheren Betrieb dieser Antriebssysteme die folgenden Herausforderungen gelöst werden: NH3-Ausgasung, der Einsatz von Schmiersystemen sowie die Abnormale Verbrennung (Abnormal Combustion). Für die Wahl der passenden Dichtungssysteme muss zwingend der vorherrschende Temperaturbereich sowie das Zusammenspiel aller oben genannten Medien beachtet werden.
Welche Dichtungen werden wo benötigt?
Gibt es eine Übersichtstabelle für Applikationen und typische Einsatzgebiete sowie passende Werkstoffklassen und Dichtungsdesign?
Jetzt ja – und zwar zur Fragestellung: welche Dichtungsdesigns optimieren die Sicherheit, Langlebigkeit und Effizienz der gesamten Wasserstoff-Prozesskette? Genau so dynamisch, wie sich die Technologien im Bereich der Wasserstoff-Erzeugung entwickelt haben, befindet sich auch die Lernkurve für Werkstoffe und Dichtungsdesigns in einer steilen Aufwärtsbewegung. Viele bewährte Werkstoffe haben sich durch Spitzenleistungen in der Werkstoff-Forschung und spezielle H2-Dichtungsdesigns zu hochsicheren Präzisions-Dichtungen weiterentwickelt. Durch neue Produktions- und Prüfverfahren werden sie kontinuierlich nachhaltiger, langlebiger und leistungsstärker. Welche Kombination ist besonders zu empfehlen?
| Applikation | Typische Einsatzbedingungen | Werkstoffklasse und Dichtungslösung |
|---|---|---|
| PEM Elektrolyseur – Stack (O₂ Seite) |
pH-Wert 4–6 (reines Wasser, ggf. leicht sauer) T < 60–150 °C p bis ~35 bar hohe Oxidations- und Sauberkeitsanforderungen |
FKM als Stack-Dichtung (O₂-Beständigkeit, niedrige H₂-Permeation) Seal on Plastic oder Metal Frame/Plate Seal on Bipolar Plate (Overmolding) |
| PEM Elektrolyseur – Hochdruckdichtung |
Hohe interne Drücke, sichere Nutposition Aktivierung unter Last |
Innovative Dichtungsprofile (L-Shape) mit Halte-Features (Press-in-Place – PIP) oder auf einen Träger aufgespritzt (Overmolding) |
| AEL und AEM Elektrolyseur – Stack (KOH-Umgebung) |
3–30 wt.% KOH T < 60–150 °C p bis ~35 bar elektrische Isolation je nach Aufbau |
Dichtungen aus EPDM mit Halte-Features (PIP) oder Overmolding PTFE-Flachdichtungen oder Folien mit geringer Kriechneigung |
| Elektrolyseur – Peripherie und Flanschverbindungen |
Niedrige Schraubenlast, Reinheit elektrische Isolation, variable Temperatur/Druck |
EPDM und FKM O-Ringe PTFE-Flachdichtungen |
| CGH₂ Speicherung und Transport (Tanks und Leitungen) |
T ≈ -50…+85 °C p bis ~105 MPa Permeation minimieren |
O-Ringe (EPDM/FKM/HNBR je nach Medium und Temperatur) Kunststoff-Backup-Ringe (z. B. PEEK) |
| Ultra-High Purity und Hochdruck-Verbindungen |
UHP-Anforderungen (rein, diffusionsarm) Vakuum, sehr geringe Leckage |
VCR® Metall-Face-Seals (Edelstahl/Ni-Legierungen) Metall-zu-Metall-Dichtungen für UHP-Leitungen |
| H₂ Kompressoren – Kolben und Membran |
Hoher Druck, dynamische Bewegung Verschleiß, Leckageminimierung |
Packungsdichtungen (PTFE gefüllt, Grafit) Labyrinthdichtungen, PEEK-Backups |
| H-Kompressoren – Zentrifugal |
Kontinuierliche Rotation hoher Speed, energiearme Abdichtung |
Dry Gas Seals (non-contact) sehr geringe Leckage |
| Pumpen und Armaturen in PtX Prozessen |
Korrosive Medien, hohe Temperatur/Druck wechselnde Lasten |
Mechanische Gleitringdichtungen, Grafit-Packungen Spiral-Wound/Kammprofile, PTFE je nach Medium |
| PtX-Synthesen (NH₃, Methanol, E-Fuels) |
Aggressive Chemie, thermische Zyklen hohe Drücke |
Graphitlaminate / Spiral-Wound modifiziertes PTFE |
| Gewinde und Verschraubungen (Peripherie) | Bis 100% H₂, sicherer Leckageschutz | Hydrogen ready Gewindedichtungen (z. B. LOCTITE 55) |
| Werkstoffverhalten – Auswahlhinweise |
Permeation (H₂ diffundiert stark) RGD bei schnellen Druckwechseln |
FKM tendenziell niedrigere H₂-Permeation als EPDM/NBR HNBR/FKM/FFKM zeigen bessere RGD-Beständigkeit Profilquerschnitte/Sealing Grooves reduzieren Montagekraft und Extrusion |
Der Wasserstoffregenbogen
Wasserstoff ist nicht gleich Wasserstoff. Obwohl er eigentlich farblos ist, unterscheiden wir ihn in verschiedene Farbklassen – und die richten sich nach der Herstellung. Ob grün, grau oder gelb: Wir erklären, was dahintersteckt.
Welche Werkstoffe eignen sich für welche Dichtungsart?
Die Werkstoffwahl folgt immer dem Medium-Temperatur-Druck-Zyklus und bezieht die Lebensdauer und Reinheit ein. Die folgende regelbasierte Orientierung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Elastomere für O-Ringe, Rahmen- und Formdichtungen sowie Profile
EPDM: KOH- und Wasserbeständig, gute Tief-temperaturflexibilität; für AEL/AEM und die Peri pherie im Elektrolyseumfeld; hat eine höhere H2-Permeation als FKM. Vorsicht ist geboten bei direktem Sauerstoffkontakt.
FKM: O2-Oxidations und Temperaturstabil; bestän-dig gegen deionisiertes Wasser (DI-Wasser) und saure Umgebungen; für PEM-Stacks sowie Periphe-rie-Ventile und -Sitze; niedrige H2-Permeation. Für Anwendungen mit Druckschwankungen stehen RG-robuste Werkstoffe zur Verfügung.
HNBR/NBR: gute mechanische Festigkeit; wird verbreitet für Gase eingesetzt; ölbeständig. Für Anwendungen mit Druckschwankungen stehen RGD robuste Werkstoffe zur Verfügung.
FFKM: maximale Chemikalienbeständigkeit; für den Einsatz in kritischen PtX-Schritten und hohen Temperaturen geeignet.
Fluorpolymere und Thermoplaste für Flachdichtungen, Dichtlippen und Back ups
PTFE und ePTFE sowie modifiziertes PTFE: nahezu universell chemikalienbeständig; neigen zum Kriechen (Creep), im Krafthauptschluss zu platz-ieren; geringe Permeation. Damit sind sie ideal für KOH, CO2 sowie Flanschdichtungen in Stacks und Armaturen geeignet.
PEEK: ideal geeignet für Back-up Ringe und Spring Energizer. Diese Thermoplaste verfügen über eine hohe Steifigkeit und Temperatur-Festigkeit. Gleichzeitig bilden sie einen guten Extrusionsschutz bei Hochdruckanwendungen.
Weitere Themen

Immer informiert
Auf dem Laufenden bleiben:
Mit dem Newsletter von Freudenberg Sealing Technologies.








