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Portrait-of-Katsuhiro-Yamaguchi
15.12.2020

Yūjō [Freundschaft]

Seit 60 Jahren verbindet Freudenberg und das japanische Unternehmen NOK eine enge Partnerschaft. Von der gemeinsamen Erschließung wichtiger Auslandsmärkte profitiert Freudenberg Sealing Technologies bis heute. Was ist das Geheimnis hinter der ungewöhnlichen Allianz?

Als Katsuhiro Yamaguchi im Jahr 1975 endgültig nach Weinheim zog, nahm er zunächst Monat für Monat ein Kilo ab. Es dauerte eine Weile, bis er sich an deutsche Hausmannskost gewöhnt hatte. Die berufliche Umstellung gelang schneller: Innerhalb weniger Jahre baute er für Freudenberg das Geschäft mit Gleitringdichtungen aus. Just zur rechten Zeit, denn die europäischen Automobilhersteller hatten viele Motoren bereits von Luft- auf Wasserkühlung umgestellt – und für jede Kühlmittelpumpe wird eine Gleitringdichtung benötigt. Das Know-how für diese spezielle Dichtungsgattung stammte aus Yamaguchis Heimatland Japan.

Es sind nicht die Firmen, die sich anfreunden, sondern Führungskräfte und Mitarbeiter.

Katsuhiro Yamaguchi

Dass der Transfer einer für den deutschen Markt neuen Technologie so rasch gelang, war einer Konstellation zu verdanken, die in der Geschichte des deutschen Maschinenbaus ungewöhnlich ist: Bereits im Jahr 1960 hatte sich die Freudenberg Gruppe mit 25 Prozent an einem japanischen Dichtungshersteller beteiligt, der damals noch „Nippon Oil Seals Corporation“ hieß und heute als NOK firmiert.

Vertragsunterzeichnung am 15.03.1960 im Hermannshof (v. l.) : Der. Helmut Fabricius, Richard Freudenberg, Dr. Hans Erich Freudenberg, Shogo Tsuru, Dr. Kurt Brasch. ©Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv

Dr. Hans Erich Freudenberg, der damals die volkswirtschaftliche Abteilung des Familienunternehmens leitete, hatte ein Jahr zuvor eine mehrwöchige Reise durch das Land der aufgehenden Sonne unternommen. Japan stand erst am Anfang seiner wirtschaftlichen Entwicklung und produzierte rund 190.000 Kraftfahrzeuge pro Jahr – in Deutschland waren es im selben Jahr bereits 1,5 Millionen Einheiten. Dr. Hans Erich Freudenberg setzte auf das Land und behielt damit recht: 2019 wurden in Japan mehr als acht Millionen Pkw produziert, und allein Toyota – selbst mit einigen Prozent an NOK beteiligt – verkaufte im letzten Jahr weltweit 10,7 Millionen Fahrzeuge. Freudenberg profitiert von dieser Entwicklung weitaus mehr, als es die Minderheitsbeteiligung vermuten lässt. Schon ganz zu Anfang hatte Dr. Hans Erich Freudenberg in einem Bericht über eine weitere Reise im Jahr 1961 festgehalten: „Man erwartet von uns nicht nur technische Verfahren und Investitionen, sondern auch Freundschaft, Anteilnahme und konstruktive Kritik, die das enge Partnerschaftsverhältnis kennzeichnen sollen.“

In den ersten Jahren konzentrierten sich sowohl Freudenberg als auch NOK auf ihre jeweiligen Heimatmärkte, die Zusammenarbeit war eher technischer Natur. Gleichwohl trafen sich die Unternehmensleitungen mindestens einmal im Jahr zu einem ausführlichen Dialog. Ende der 1970er Jahre, die Ölkrisen waren überstanden, expandierten sowohl die deutsche als auch die japanische Industrie massiv. Gemeinsam übernahmen Freudenberg und NOK mit der brasilianischen Rubasil das erste Tochterunternehmen in einem Drittland.

Spatenstich: Masato Tsuru, Joe Day und Dr. Reinhart Freudenberg (v. l.) pflanzen einen Baum. ©Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv

Yamaguchi, dessen Gleitlagerproduktion mittlerweile anlief, fand in die Rolle des Übersetzers bei allen Treffen auf Topmanagement-Ebene. „Da ging es nicht nur um das Dolmetschen an sich, sondern auch um die Interpretation des Gesagten“, erinnert er sich. Wenn die japanische Seite äußerte: „Wir werden darüber nachdenken“, sei das von den Deutschen oft fälschlicherweise als „Ja“ gedeutet worden – in Wirklichkeit handele es sich aber um eine höfliche Form des „Nein“.

Der große Wurf gelang der deutsch-japanischen Partnerschaft dann Ende der 1980er Jahre in den USA. Beide Unternehmen hatten bereits kleine lokale Fabriken aufgebaut oder übernommen, die jedoch in den Top Ten der Dichtungsanbieter auf den hinteren Rängen rangierten. „Die Folge war ein preislicher Unterbietungswettbewerb, der beiden Muttergesellschaften schadete“, so Yamaguchi. Nach intensiven Diskussionen der Gesellschafter wurde im Jahr 1989 die Freudenberg NOK General Partnership gegründet. Die Grundidee war simpel: Freudenberg kümmert sich um Europa, NOK um Asien, und gemeinsam erobert man den US-Markt.

Es kann lange dauern, bis wir wieder das Vorkrisenniveau erreichen

Matthew Portu, President-Freudenberg-NOK Sealing Technologies

Letzteres ist gelungen: Das Gemeinschaftsunternehmen, an dem Freudenberg mittlerweile 75 Prozent der Anteile hält, erzielte 2019 einen Umsatz im oberen dreistelligen Millionenbereich und arbeitete dabei mit hoher Profitabilität. Wesentliche Anteile des Umsatzes entfallen auf Dichtungen und andere Zulieferteile für die in den USA tätigen Autohersteller. „Wir sind sowohl mit den großen US-Herstellern als auch mit den hierzulande produzierenden deutschen und japanischen OEMs gut im Geschäft“, bestätigt Matthew Portu, Präsident der Freudenberg-NOK Sealing Technologies, die in den USA das operative Geschäft von Freudenberg Sealing Technologies verantwortet. „Ein großer Vorteil unserer globalen Allianz ist, dass wir überall auf der Welt in der exakt gleichen Qualität liefern können.“ Wichtig sei das vor allem, weil alle Autohersteller die Strategie verfolgen, Antriebe auf weltweit einheitlichen Baukästen aufzubauen.

Matthew Portu, President-Freudenberg-NOK Sealing Technologies.

Für Portu, der selbst früher im Einkauf von Ford gearbeitet hat, ist der Erfolg aber auch auf das Verschmelzen der Kulturen zurückzuführen. „Manche der Stereotypen, die wir im Kopf haben, sind durchaus berechtigt. Deutschland verfügt über sehr clevere Ingenieure, und Japan ist unglaublich qualitätsbewusst. In unserer Firmenkultur verheiraten wir das miteinander – und fügen noch unseren amerikanischen, sehr zielorientierten Managementstil hinzu.“ Der US-Automarkt, von der Corona-Pandemie geschwächt, berge in den nächsten Jahren große Herausforderungen. „Es kann lange dauern, bis wir wieder das Vorkrisenniveau erreichen“, so Portu. Die langfristige Orientierung beider Muttergesellschaften sei da förderlich. „Das erkennen auch unsere Kunden und unsere Lieferanten an.“ Einen langen Atem brauchten Freudenberg und NOK auch, um in China ein signifikantes Geschäft aufzubauen. Bereits 1995 von Singapur aus gestartet, ist das 50:50-Gemeinschaftsunternehmen NOK-Freudenberg heute in wichtigen Industrieregionen des Landes vertreten.

Yamaguchi ist unterdessen längst pensioniert. Ob es wahre Freundschaft unter Wirtschaftsunternehmen überhaupt geben kann? Der japanische Ingenieur lächelt, schweigt zunächst und antwortet: „Es sind nicht die Firmen, die sich anfreunden, sondern Führungskräfte und Mitarbeiter. Die Freundschaft zu halten wird leichter, wenn jede Seite etwas zu geben hat.“ Dann wechselt er das Thema. Er zückt sein Smartphone und zeigt Bilder seiner Enkelkinder: „Das ist doch ein guter Grund, hierzubleiben, oder nicht?“


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und –märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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