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Mann zeigt asiatische Kräuter
17.03.2020

Zarte Blätter zwischen Müllbergen

Plastikmüll aus aller Welt landet in Vietnam. Gleichzeitig entdeckt eine junge Generation innovativer Städter ihr ökologisches Bewusstsein. Sind Reismehl-Strohhalme und Blätterverpackungen eine Lösung für die Welt? Besuch vor Ort.

Es fühlt sich an, als würde man ungekochte Pasta essen. Die Trinkhalme haben ganz schön Biss, und selbst nach einer Stunde in kaltem Wasser werden sie zwar untenrum etwas krumm, sind vom Aldente-­Zustand jedoch noch weit entfernt. Und überhaupt, wer nuckelt schon so lange an seinem Drink? In Medienberichten wurde die neueste Entwicklung einer vietnamesischen Firma als „essbare Trinkhalme“ angepriesen. Haufenweise wegmümmeln, als wären es Knabberstangen, sollte man sie in ihrem halbgaren Zustand indes nicht, so die Empfehlung des Herstellers.

Blattwickel mit Salat: Frische Kräuter werden im Laden Bac Tom in eine Blätterverpackung gewickelt.

Kompostierbar sind die Trinkhalme allemal und damit eine umweltschonende Alternative zu Plastik. Vietnams neue Öko­Trinkhalme werden aus Reismehl hergestellt, gefärbt mit natürlichen Zutaten wie roter Bete, Sesam und Spinat. Erst nach einer langen Experimentierphase habe der vietnamesische Lebensmittelhersteller HungHau Foods eine Formel gefunden, mit der die Trinkhalme weder zu brüchig noch zu schlaff würden, sagt Geschäftsführer Vo Minh Khang. Für die Produktion nutzte HungHau Foods die Spaghettifabrik in Sa Dec im Mekongdelta – mittlerweile mit einer Produktionskapazität von rund einer Million Reismehl­Trinkhalmen pro Tag, die auch ins Ausland verkauft werden.

Aber nicht nur mit kompostierbaren Trinkhalmen macht sich das erwachende Umweltschutzbewusstsein in Vietnam bemerkbar. Eher zufällig kam der Hanoier Lebensmittelhändler Bac Tom darauf, in seinen Läden Salate und Kräuter nicht mehr in Plastik, sondern in Pflanzenblätter einzuwickeln. „Normalerweise haben wir den Bauern, die uns das Gemüse liefern, Plastikverpackungen mit unserem Logo zur Verfügung gestellt“, sagt Bac­Tom­Manager Tran Minh Duc. „Als unsere Lieferung einmal nicht ausreichte, schickte uns ein Bauer sein Gemüse in La­Dong­Blätter eingewickelt.“ Zurück zu den Wurzeln, könnte man sagen, denn in diese pflanzliche Verpackung, die Bananenblättern ähnlich sieht, werden in Vietnam seit Menschengedenken Klebreiskuchen eingewickelt – traditionell wichtige Neujahrsspeisen. „Das kam bei vielen unserer Kunden sehr gut an, einige schossen sogar Selfies mit den Blätterwickeln“, sagt Tran. Zumindest einen Teil seiner Produkte in dieser Blätterverpackung anzubieten sei sein winziger Beitrag zu einem erfreulichen Trend, der Vietnam langsam zu erfassen beginne: „Wir sehen immer mehr Leute, die ihre Plastiktüten mehrmals verwenden oder Taschen aus anderen Materialien mitbringen.“

Wir wollen bei den Leuten ein Problembewusstsein wecken.

Nguyen Viet Dung, Leiter der Ocean Trash Cam­paign in Vietnam

Das Land der Plastiktüten

Allein: Mit Reis­Trinkhalmen und Blätterwickeln lassen sich die Ozeane nicht vor der Plastikvermüllung retten. Angesichts der gigantischen Müllmenge, die sich in ganz Südostasien türmt beziehungsweise durch die Meere wabert, sind solche Aktionen höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber vielleicht sind sie ein Anstoß zu etwas viel Größerem: „Initiativen dieser Art können dazu beitragen, bei den Leuten ein Problembewusstsein zu wecken“, sagt Nguyen Viet Dung, der in Vietnam für die Ocean Trash Cam­paign der Umweltschutzorganisation Pacific Environment verantwortlich ist. Er sieht bereits ein gewisses Umdenken. Gleichwohl sei nicht zu leugnen: In ländlichen Gebieten stelle die Plastikverschmutzung ein riesiges Problem dar. „Plastiktüten sind billig, praktisch und auf den Märkten allgegenwärtig.“

Vietnams hauseigenes Müllproblem ist kaum zu übersehen: Die gesamte mehr als 3.000 Kilometer lange Küste des Landes gleicht einer einzigen Müllhalde, vom weltberühmten UNESCO-Welterbe Halong-Bucht über die Strände der Zentral­küste bis zur südlichen Ferieninsel Phu Quoc und überall dazwischen. Im Ferienort Dalat im zentralen Hochland wurde jüngst durch starken Regen eine Mülllawine ausgelöst – Teile der an einem Hang gelegenen riesigen Mülldeponie rutschten ab und begruben die darunter gelegenen Gemüsegärten mit einer bis zu vier Meter hohen, stinkenden Schicht.

Weltweit landen jährlich geschätzte acht Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren; mehr als die Hälfte davon soll laut einer vom Interessenverband Ocean Conservancy publizierten Studie aus China sowie vier südostasiatischen Nationen stammen. Allesamt Länder mit einem großen Anteil ihrer Bevölkerung in Küstennähe. Gleichzeitig Länder, die in jüngerer Vergangenheit ein enormes Wirtschaftswachstum aufwiesen, und deren Abfallentsorgungssystem schlicht nicht mithalten kann mit dem explodierenden Konsum an Wegwerfverpackungen, der mit dem steigenden Wohlstand einhergeht. Vietnam landet in der Studie auf Platz vier der fünf Top-Ozeanvermüller, hinter China, Indonesien, den Philippinen und noch vor Thailand.

Herstellung von plastikfreien Trinkhalmen

Wird Vietnam zur Müllhalde der Welt?

Angesichts dieser Unmenge an Plastikmüll mag es paradox anmuten, dass Viet­nams mächtige Plastikindustrie von Altplastik-Importen aus dem Ausland abhängig ist. Die besagte Flut an Plastiktüten etwa wird aus recyceltem Plastik hergestellt – und achtzig Prozent dieses Rohmaterials werden importiert, große Teile davon aus Japan, den Vereinigten Staaten und Deutschland.

Tatsächlich verfügt das Land noch kaum über die notwendige Müllmanagement- und Recycling-Infrastruktur, um selbst aus seinen Müllbergen Plastik zu produzieren. So kommt es, dass man auf importiertes Plastik angewiesen ist. Zudem ist das eigene Altplastik oft von geringer Qualität. Nur etwa 20 Prozent davon werden von Müllsammlern wieder herausgepickt und an kleine, informelle Recyclingstätten verkauft, die daraus Plastikpellets als Rohmaterial produzieren. Der große Rest landet entweder auf Müllhalden, wird verbrannt – oder endet im Meer.

Die Altplastik-Importe sind nochmals enorm angestiegen, seit der bisher weltgrößte Abfallimporteur China im Januar 2018 einen Altplastik-Importstopp verhängte. Zwei Jahrzehnte lang hatte China etwa 45 Prozent des weltweiten Plastikmülls importiert – jetzt muss dieser Müll aus dem Westen auf andere Abnehmer ausweichen, größtenteils in Süd- ostasien. Kein Wunder, dass diese Länder nun fast an der überwältigenden Masse ersticken. Vietnam hatte im vergangenen Jahr seine Inspektionen und Vorschriften für importiertes Altplastik verschärft, was dazu führte, dass sich in den Häfen Tausende Altplastik-Container aus dem Ausland stauten. Die vietnamesische Plastikindustrie, eine der am schnellsten wachsenden Industrien der vergangenen Dekade, befürchtete Verluste in Millionenhöhe, würde Vietnam Plastikimporte auf einen Schlag gänzlich verbieten.

Wir erstellen eine Million Trinkhalme aus Reismehl pro Tag.

Vo Minh Khang, Geschäftsführer bei HungHau Foods

Seitenstraße in Hanoi: Vietnam braucht Lösungen, um die Flut der allgegenwärtigen Plastiktüten zu reduzieren.

Plastikstopp in der Halong-Bucht

Vietnams eigenen Mülltsunami zu bekämpfen versuchen lokale NGOs mit Aktionen wie Strandsäuberungen und Informationskampagnen. Und auch auf offizieller Seite tut sich einiges: In der Halong-Bucht zum Beispiel wollten die Behörden ab September bei allen Tourismusorganisationen ein Plastikverbot durchsetzen. „Aber um langfristige Änderungen zu erzielen und das Angebot wie auch die Nachfrage von Einwegplastik zu reduzieren, braucht das Land nachhaltige Lösungen“, sagt Nguyen. Und Vietnam habe noch keinen spruchreifen Maßnahmenplan. Man wolle von den Erfahrungen anderer Länder lernen, von Taiwan und Südkorea zum Beispiel, und deren Konzepten der erweiterten Herstellerhaftung. „Das alles braucht Zeit. Ein wichtiger Punkt wird sein, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und sie dazu zu bewegen, Plastik zu vermeiden, zu reduzieren, mehrfach zu verwenden und schließlich zu recyceln.“

Derweil wird auch im Kleinen weitergetüftelt: Komplett plastikfrei ist Bac Toms Laden noch nicht, und gerade etwa beim Fleisch seien die Kunden für alternative Verpackungen noch nicht so empfänglich, sagt Ladenmanager Tran. Trotzdem wolle er die Idee auf möglichst viele Produkte ausweiten. Und er ist nicht der Einzige, der sich in Hanoi dieser Ökobewegung angeschlossen hat. Mittlerweile sieht man die Blätterwickel auch in den Regalen großer Supermarktketten. Die Trinkhalmhersteller von HungHau Foods planen die Produktion von umweltfreundlichen Löffeln und Gabeln – und ihre Reismehlhalme sind dabei, die Drinks und Shakes der Welt zu erobern: Exportiert werden sie bereits unter anderem in die Vereinigten Staaten, nach Groß­britannien, Portugal, Hongkong und Malaysia. Im Oktober 2019 sind sie auf der Lebensmittelmesse Anuga in Köln vorgestellt worden.

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