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22.07.2021

„Die Energielandkarte wird umgeschrieben“

Politikwissenschaftlerin Dr. Kirsten Westphal berät politische Entscheidungsträger in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Ihr Fokus liegt aktuell auf der Energiewende. Ein Gespräch über nicht versiegende Rohstoffe und die wachsende Bedeutung von Wasserstoff.

Frau Dr. Westphal, Sie befassen sich seit 2018 mit der „Geopolitik der Energiewende“. Was ist Ihr Erkenntnisinteresse?

Dr. Kirsten Westphal: Ich untersuche mit meinem Team, wie sich die Energiewende in Deutschland und der EU auf die Außenbeziehungen auswirkt. Generell lässt sich sagen, dass die Energietransformation geopolitische Effekte haben wird. Die Welt wird eine andere sein.

Inwiefern?

Länder, die derzeit fossile Rohstoffe importieren, gewinnen mehr Macht. Produzenten von fossilen Rohstoffen geben welche ab. Europa wird perspektivisch mehr Handlungsspielräume bekommen, dabei aber beantworten müssen, mit wem es sich energiepolitisch vernetzen will. Die Energielandkarte wird jedenfalls umgeschrieben.

Ist die Energiewende eigentlich ein regionales oder tatsächlich ein globales Thema?

Deutschland und die EU nehmen eine Vorreiterrolle ein. Das Pariser Klimaabkommen hat aber gezeigt, dass der Umgang mit dem Klimawandel ein globales Thema ist. Immer mehr Länder wollen bis 2050 klimaneutral sein oder zumindest CO2-neutral bis 2060. Da reiht sich aktuell eine Erklärung an die nächste. Das klingt erst mal positiv.

Dr. Kirsten Westphal

Portraitbild von Dr. Kirsten Westphal

Die Politikwissenschaftlerin arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die SWP analysiert außenpolitische Themen für die Bundespolitik, Wirtschaftsakteure und die Öffentlichkeit. Dr. Westphal ist bei der SWP für Internationale Energiebeziehungen und Globale Energiesicherheit zuständig. Sie ist zugleich Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates. Daneben zählte sie zum Expertengremium der Global Commission on the Geopolitics of Energy Transformation 2018‒19 und wirkte am Kommissionsbericht „A New World“ mit.

In Ihrer Bemerkung schwingt ein „Aber“ mit.

Klimapolitik ist nicht gleich Energiepolitik. Deklarationen sind wichtig, es müssen aber Maßnahmen folgen. Das absolute Primat der Klimapolitik ist problematisch. Und zwar dann, wenn die Ambitionsspirale schneller gedreht wird, als die Energiewende mit realen Fortschritten hinterherkommt. Das birgt die Gefahr, irgendwann unglaubwürdig zu werden.

Schlüsseltechnologie: Bei der Erzeugung von Wasserstoff wird Innovationskraft gefragt sein.

Dennoch scheinen die Vorzeichen für eine Energiewende gut zu sein.

Absolut. Wir erleben derzeit ein globales Momentum. Nicht zuletzt, weil die Kosten für erneuerbare Energien massiv gefallen sind. Das macht sie attraktiv und fast überall rentabel. Global betrachtet verläuft die Energietransformation aber sehr unterschiedlich – die Umbaupfade und Ziele sind häufig andere als in Europa.

Was sind die Treiber der Energiewende?

Neben den gesunkenen Kosten ist es die öffentliche Meinung, die den Klimawandel als Bedrohung sieht. Diese ist vielerorts greifbar. Etwa die Luftverschmutzung, die lokal große Probleme bereitet.

Die Ressourcenfrage ist demnach weniger maßgeblich?

Ein spannender Aspekt. Früher stand die Endlichkeit von Öl und Gas im Fokus. Wir glaubten, die Förderung hätte bald ihren Höhepunkt erreicht. Diese Annahme wurde mit der Fracking-Revolution beim Schieferöl und -gas praktisch substanzlos. Wir wissen, es ist mehr da als gedacht. Die eigentliche Knappheit liegt in der Atmosphäre. Wie viel CO2 dürfen wir dort noch abladen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel einhalten wollen?

Die Rohstoffe im Boden werden also nicht versiegen. Dennoch gab und gibt es Länder, die wenige haben. Hat sie dieser Umstand dazu bewogen, innovative Lösungen zu finden?

Eindeutig. Das zeigt die hohe Energieeffizienz in Ländern wie Japan oder Deutschland. Wer große Teile seines Bruttoinlandsprodukts aufwendet, um Rohstoffe zu importieren, der geht anders damit um als Länder, die über reiche Vorkommen verfügen. Rohstoffarme Länder sind zudem gezwungen, ihre Bezugsländer und -routen zu diversifizieren. Die Konzentration des Energiereichtums wird sich mit der Energiewende ändern. Erneuerbare Energien, aber auch erzeugter Wasserstoff werden global wohl gleichmäßiger verfügbar sein als Öl und Gas.

Energiewende: Immer mehr Länder wollen bis 2050 klimaneutral sein.

Das dürfte die Exportländer fossiler Rohstoffe beschäftigen. Tendierten diese dazu, sich auf ihren Ressourcen auszuruhen und weniger innovativ zu sein?

Das lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Denken Sie an die USA, Kanada oder Norwegen. Alle gleichermaßen ressourcenreiche wie innovative Staaten. Viel dürfte davon abhängen, wie liberal das politische System ist. Auch das Gewicht von Staatsunternehmen in einer Volkswirtschaft ist maßgeblich. Sie stehen unter keinem so hohen Innovationsdruck wie multinationale Unternehmen.

Sie erwähnten den Wasserstoff. Bei dessen Erzeugung wird Innovationskraft gefragt sein.

Das stimmt. Bei der Energiewende wird der ökonomische Wert nicht mehr über Ressourcen generiert, sondern über den Einsatz von Technologien. Die Innovationskraft eines Wirtschaftssystems ist folglich ein entscheidender Faktor. Hier gilt es Asien und allen voran China zu beachten. Umso mehr, als die Größe eines Marktes bei der Einführung neuer Technologien eine große Rolle spielt. Das war bei der Batterierevolution und bei der E-Mobilität maßgeblich. Chinas Skaleneffekte sind enorm.

Was heißt das für Europa?

China hat uns bei den Hochspannungsgleichstrom-Übertragungsleitungen, bei den Batterien und den Solarpanels überholt. Gelingt es der EU, das beim Wasserstoff zu vermeiden? Und schaffen wir es, die Technologien auch zu exportieren? China verfolgt die Strategien „Made in China 2025“ und „Standards 2035“. China will ganz klar Schlüsseltechnologien wie Wasserstoff voranbringen und die Standards setzen. Hinzu kommen strukturelle Asymmetrien: Wir haben kleine, hochinnovative mittelständische Unternehmen, denen Außenhandelskammern und Botschaften zur Seite stehen. Diese aber müssen zum Beispiel in Afrika mit chinesischen Staatsunternehmen konkurrieren, die günstige Systemlösungen und Kredite im Paket anbieten. Hier muss die EU weiter wachsam sein. Chinas Konkurrenz ist sehr ernst zu nehmen, erst recht, wenn sie ihr Wirtschaftsmodell mit exportiert.

Bei der Energiewende wird der ökonomische Wert nicht mehr über Ressourcen generiert, sondern über den Einsatz von Technologien.

Die EU strebt grünen Wasserstoff an, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Wie schätzen Sie die Voraussetzungen dafür ein?

Dass wir die Technologie bei uns entwickeln und Standorte schaffen wollen, halte ich für unabdingbar, um Europa wettbewerbsfähig, innovativ und exportfähig zu halten. Aber auch Realismus tut not. Denn was gute Standorte für Solar- und Windenergie und generell verfügbaren Platz angeht, ist die EU limitiert. Insofern ist es plausibel oder gar geboten, auch auf Importe zu setzen und Wasserstoffprojekte im Ausland gemeinsam mit Partnern zu realisieren. Dabei denke ich zuerst an die europäische Peripherie und die Länder, die über Pipelines angebunden sind. Norwegen und Großbritannien etwa sind uns in jeder Hinsicht nahe: geografisch und politisch, sie sind Teil eines europäischen Regel- und Marktraums und forcieren den Klimaschutz. Natürlich aber sollte Wasserstoff noch aus weiteren Regionen bezogen werden.

Worauf basiert Ihre Überzeugung?

Deutschland und die EU müssen über wechselseitige ökonomische Verflechtungen für Stabilität und Wohlfahrt in Nachbarregionen sorgen. Die Importe von Wasserstoff und seinen Derivaten bieten Ländern wie Russland, den Staaten am Persischen Golf oder auch Algerien und Ägypten die Chance, weiter zu verdienen. Als Europäer können wir keine exklusive Insel der Glückseligen schaffen, wenn unsere Nachbarschaft nicht ebenfalls davon profitiert. Solche geopolitischen Überlegungen sind mitzudenken.

Hydrogen Valleys: Wasserstoff als Energieträger könnte Hafenstädte mit ihren Industrien und Logistikzentren dekarbonisieren.

Wie wird sich die USA energiepolitisch aufstellen?

Sie war zuletzt sehr auf das Fracking und fossile Energieträger konzentriert. Das wird sich unter dem neuen Präsidenten Joe Biden ändern. Er betont den Klimaschutz, die neue Vizepräsident Kamala Harris zählt zu den Unterzeichnerinnen des New Green Deal. Deswegen erwarte ich, dass die neue Administration den Ausbau von Erneuerbaren und den Aufbau von Schlüsseltechnologien wie Wasserstoff vorantreibt. Die Energie- und Technologiepolitik wird aber stark auf die eigene Industrie und den Erhalt von Arbeitsplätzen in den USA fokussiert sein. Die USA werden multilateraler in der Klimazusammenarbeit, aber „America First“ wird bei der Wirtschaftspolitik handlungsanleitend bleiben. Nicht zuletzt wegen der Rivalität mit China.

Wie wichtig ist bei einer nationalen Wasserstoff-Agenda das Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft?

Sehr wichtig. Drei Pfade müssen parallel funktionieren: Die Technologie muss marktreif werden, der Business Case zumindest absehbar sein, und die politischen Rahmenbedingungen müssen dafür passen. Ohne dieses parallele Zusammenspiel wird es nicht klappen. Sonst besteht das Henne-Ei-Problem weiter. Angebot und Nachfrage müssen initiiert werden. Wir brauchen klare und neue Rahmenbedingungen und wahrscheinlich für die Anfangsphase marktferne Instrumente, auch wenn ein Wasserstoffmarkt das Ziel sein muss. Es gilt, einen neuen Energieträger und neue Technologien einzuführen, das tangiert EU-Beihilfefragen. Die Politik ist entscheidend. Sie bestimmt, ob sich Projekte lohnen werden.

Welche Bereitschaft machen Sie in der Industrie aus, auf Wasserstoff als Energieträger zu setzen?

Wir erleben derzeit einen richtigen Hype um Wasserstoff. Das ist nicht der erste, aber dieser ist anders, da er viele Länder und Branchen erfasst hat. Ohne Wasserstoffeinsatz ist ein Energiesystem 2050 nicht denkbar. Daneben beginnen Finanzinstitutionen aus fossilen Ressourcen auszusteigen. Für sie sind Wasserstoffprojekte und die damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen tendenziell attraktiv.

Welche Branchen zeigen ein besonderes Interesse am Wasserstoff?

Ich glaube, er wird in allen Branchen diskutiert. Für Raffinerien spielt er bereits eine Rolle. In der Stahlindustrie gibt es Pilotprojekte. Dann Zement, Aluminium, Glas. Denkt man weiter voraus, landet man beim Schwerlasttransport und der Luftfahrt.

Ohne Wasserstoffeinsatz ist ein Energiesystem 2050 nicht denkbar.

Wie könnte der Durchbruch des Wasserstoffs gelingen?

Mir erscheinen hydrogen valleys erfolgversprechend, in denen sich Industrien und Logistikzentren zusammenschließen und vernetzen. Zum Beispiel Hafenstädte. Antwerpen produziert rund 15 Prozent des belgischen, Rotterdam 20 Prozent des niederländischen CO2-Ausstoßes. Gelingt es, solche Zentren mit Wasserstoff zu dekarbonisieren, ist schon viel gewonnen.

Beginnen erdölexportierende Staaten, wie die am Persischen Golf, umzudenken, und nehmen sie die Wasserstoffproduktion ins Visier?

Oh ja. Sie sind weiter, als wir denken. Saudi-Arabien verfolgt die Vision 2030, um seine Wirtschaft zu diversifizieren. Dazu zählt das Projekt Neom, eine neue Stadt in der Größe Belgiens mit Entsalzungsanlagen, grüner Wasserstoffherstellung inklusive der gesamten Wertschöpfungskette, die entstehen soll. Als Saudi-Arabien 2020 die G20-Präsidentschaft innehatte, propagierte es dediziert eine CO2-Kreislaufwirtschaft. Das Land verfolgt den Direct Air Capture-Ansatz, also CO2 aus der Umgebungsluft zu gewinnen, ihn zu speichern und daraus synthetische Brennstoffe zu erzeugen.

Europa denkt in grünem Wasserstoff. Japan setzt zunächst auf den Import von mit Kohle gewonnenem Wasserstoff. Wohin geht die Reise?

Die Welt ist diesbezüglich sehr bunt. Es bleibt spannend, wie offen sich die EU für anders produzierten Wasserstoff zeigen wird, wie sie ihn zertifiziert und den Handel mit ihm aufbauen wird. Das ist nicht nur hinsichtlich der Golfstaaten relevant, sondern auch gegenüber Russland, das verschiedenste Erzeugungsmethoden angeht. Ebenso die USA.

Blicken wir in die Zukunft: Welche Rolle wird Wasserstoff am Ende dieses Jahrzehnts spielen?

Ich hoffe schon, dass wir in der EU bei Offshore-Windparks und Wasserelektrolyse, die wichtige Schlüsseltechnologien sind, große Fortschritte erzielt haben. Hier verfügen wir über geografische Vorteile. Die Backbone-Infrastruktur wird im Westen des Kontinents ein großes Stück vorangekommen sein, energieintensive Wirtschaftszweige werden Wasserstoff nutzen. Ich glaube zugleich, dass wir intensiver und offener über die Farben des Wasserstoffs, die Rolle im Wärmesektor sowie vor allem über die Systemfunktion, die Wasserstoff als Speicher für das Energiesystem erfüllen kann, diskutieren werden. Japan, die USA und China werden alle Formen von Wasserstoff sehr pragmatisch einsetzen und sich an schnellen industriellen Fortschritten orientieren.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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