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Vogelperspektive eines Kanals inmitten von Beijing. Copyright: Photoshot /picture alliance
26.04.2022

Das Wasser fließt von Süden

Peking und Nordchina leiden unter ständiger Dürre. Ihr Trinkwasser bekommt die chinesische Hauptstadt seit 2014 über ein Kanalsystem aus dem Süden. Trotzdem oder gerade deshalb befasst sich die Regierung inzwischen mit dem Wassersparen und der Aufbereitung.

Die Olympischen Winterspiele in Peking haben den interessierten Zuschauern vor Augen geführt, dass die Umgebung der Hauptstadt zu den trockenen Regionen des Landes zählt. Vor einigen Jahren verdankte Peking sogar einem Stausee in Südchina, dass es nicht auf dem Trockenen saß. Zwischen dem 23. Oktober 2017 und dem 17. März 2018 fielen dort kein Tropfen Regen und keine einzige Schneeflocke. Es handelte sich um die längste Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Trotzdem mussten sich die Stadtbewohner nicht einschränken, denn das Wasser sprudelte weiter – aus dem Süden. Der sogenannte Süd-Nord-Transfer ist das größte Wasser-Umleitungsprojekt der Geschichte. Auf zwei Routen – aus dem Stausee Danjiangkou an einem Yangtse-Zufluss und dem alten Kaiserkanal vom Yangste in die Hafenstadt Tianjin – wird das kostbare Nass aus dem regenreichen Süden in den trockenen Norden Chinas gepumpt. Bei maximaler Auslastung kann das Nord-Süd-Projekt insgesamt bis zu 25 Milliarden Kubikmeter in den Norden schaufeln, Jahr für Jahr. Die Stadt deckt damit 70 Prozent ihres Trinkwasserbedarfs und löst gleichzeitig ein großes Problem. Denn jahrelang ist unter der Stadt der Grundwasserspiegel abgesunken, weil Peking sein Trinkwasser aus dem eigenen Grundwasser und aus umliegenden Stauseen gewann.

Kohleindustrie: Der Industriezweig ist sehr wasserintensiv. Ein Grund, warum die chinesische Regierung den Neubauprojekte von Kohlekraftwerken gestoppt hat. Eine Maßnahme, die sich auch im Kohlebergbau bemerkbar machen dürfte.

Knappe Trinkwasserreserven

China hat von Natur aus zu wenig Wasser. Das Reich der Mitte stellt etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über sieben Prozent der Trinkwasserreserven. Und diese sind auch noch sehr ungleich verteilt. „Im Norden lebt die Hälfte der Bevölkerung – und diese Hälfte hat weniger als 20 Prozent der Wasserressourcen des Landes zur Verfügung“, sagt Ma Jun, Direktor des Institute of Public & Environmental Affairs (IPE) und einer der angesehensten Wasserexperten des Landes. Weite Teile des Nordwestens bestehen aus Grasland, Halbwüsten und Wüsten. Der Getreideanbau um Peking und im Nordosten Chinas ist nur mithilfe von Bewässerung möglich. Die Bevölkerung und die Wirtschaftsleistung wachsen – und damit auch der Wasserbedarf. Gleichzeitig schreitet die Urbanisierung voran: Gemäß des Ende 2020 erhobenen Zensus leben rund 21,9 Millionen Einwohner im Verwaltungsgebiet von Peking.

Der Wassermangel ist vielerorts menschengemacht. Die knappe Ressource ist in ganz China beispiellos verunreinigt. Mehr als zwei Drittel des Grundwassers der nordchinesischen Tiefebene sind nach einer Untersuchung der „National University of Singapore“ nicht für den menschlichen Konsum geeignet. Dabei hat China noch Nachholbedarf beim modernen Wassermanagement. Niedrige Wasserpreise für private Verbraucher und die Landwirtschaft laden zum sorglosen Umgang mit Wasser geradezu ein.

China will den landesweiten Wasserverbrauch in den Griff bekommen.

„In Peking wird noch zu viel Wasser verschwendet“, bestätigt Ma Jun. „Das Problembewusstsein der Menschen ist nicht sehr ausgeprägt.“ Die meisten Einwohner der chinesischen Hauptstadt leben in großen Wohnanlagen. Diese bestehen häufig aus mehreren Hochhäusern, deren Management die Wasserversorgung steuert. „Auch Hotels, Restaurants und Schulen verbrauchen zu viel Wasser“, sagt Ma. Darüber hinaus geht durch Lecks in den Wasserleitungen kostbares Nass verloren. Hinzu kommt: Theoretisch müssen seit Jahren alle neu gebauten Wohnanlagen in Peking ihr Abwasser selbst recyceln. Aber in der Regel funktionieren die Anlagen nicht sehr gut.

Wasserträger: In Nordchina sind mehr als zwei Drittel des Grundwassers nicht für den menschlichen Verzehr geeignet. Viele Bewohner kaufen daher Trinkwasser in Kanistern. © Zhan Min/dpa/picture alliance

Wassersparen muss sich lohnen

Wie anderswo, so haben auch in China ökonomische Maßnahmen das Potenzial, ein Umdenken herbeizuführen. So begann die für ihre Kohlekraftwerke und Anlagen der Schwerindustrie bekannte Provinz Hebei im Jahr 2016 versuchsweise eine Wasserressourcensteuer zu erheben. In der Peking umschließenden Provinz sind seither Unternehmen und Einzelpersonen steuerpflichtig, die Wasser direkt aus natürlichen Gewässern oder dem Grundwasser entnehmen. In den Folgejahren wurde die Steuer auf neun weitere Provinzen ausgeweitet, unter ihnen Peking und Tianjin. Der Wasserpreis für Fabriken steigt demnach exponentiell, sagt Gan Yiwei, Wasserexperte bei Greenpeace in Peking: „Je mehr eine Fabrik verbraucht, desto teurer wird der Preis pro Liter.“ Eine Maßnahme, die erste Erfolge zeitigt. So berichtete die Zeitung „China Daily“ über den Natronhersteller Tangshan Sanyou Group. Das Unternehmen reduzierte demnach durch nicht benannte Wassersparmaßnahmen den Anteil des Grundwassers am Verbrauch von 60 auf weniger als zehn Prozent.

Großer Nachholbedarf

Die Kohleindustrie stellt allerdings für Gan das größte Problem dar. Von der Mine über das Kraftwerk bis zu den chemischen Anlagen: Der Sektor ist sehr wasserintensiv und verbraucht oftmals ausgerechnet dort viel von der lebenswichtigen Ressource, wo ohnehin schon Wasserknappheit herrscht. Auch deswegen hat die chinesische Regierung Neubauprojekte für Kohlekraftwerke gestoppt; die Hauptstadt hat ihre vier Kohlekraftwerke geschlossen und setzt auf Erdgas. Dadurch werden große Mengen Kühlwasser eingespart.

China will den landesweiten Wasserverbrauch in den Griff bekommen. Dazu muss das Land Wasser sparen, reinigen und wiederverwerten. Zwar investiert China kontinuierlich in neue Kläranlagen, doch immer noch gelangen industrielle Abwässer ungeklärt in die Umwelt. Auch deshalb gaben diverse chinesische Regierungsstellen Ende 2021 das Ziel aus, das Abwasserrecycling in diversen Schlüsselindustrien zu intensivieren. Namentlich genannt waren die Petrochemie, Chemie, Stahl, Papier, Textil und Lebensmittel.

„Darüber hinaus kann China noch viel von Modellen im Ausland lernen“, betont der Wasserexperte Ma Jun und meint damit zum Beispiel die erfolgreiche urbane Wasserwirtschaft in Singapur, wassersparende Landwirtschaft in Israel oder die effiziente industrielle Wassernutzung in Japan. Denn moderne Technologien zum Wassersparen sind für Landwirtschaft und Industrie in China durchaus vorhanden. Oft fehlen aber das Wissen, der Wille oder das Geld, um sie einzusetzen. In der Landwirtschaft will China etwa flächendeckend die Tröpfchenbewässerung einführen. Doch, so fragt Gan Yiwei von Greenpeace: „Wollen die Bauern dieses zeitaufwendige Verfahren? Und wer zahlt dafür?“ Die wenigsten Bauern Chinas sind wohlhabend.

Derweil verlässt sich der Norden auf den Wassertransfer aus dem Süden. Wenn dieser nicht ausreicht, dann profitiert zunächst einmal vor allem die Hauptstadt. Die umliegenden Provinzen haben das Nachsehen.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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