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Ein Mann und eine Frau sitzen lächelnd an einem Bach. Copyright: VAUDE: M. Attenberger
21.06.2022

Alle Farben in Grün

Die Modeindustrie ist nicht gerade ein Aushängeschild der Nachhaltigkeit. Der Anteil synthetischer Fasern steigt sogar stetig. Dabei gäbe es Alternativen, wie beispielsweise biobasierte Kunststoffe. Und manche Produzenten sind bereit, andere Wege zu gehen.

Warum hat Nachhaltigkeit diese Saison immer noch keine Priorität?“, fragte die Modezeitschrift Vogue im Frühling 2021. Trotz diverser Selbstverpflichtungen zur Klimaneutralität bis 2050 habe bislang kaum eine Marke aktiv auf das Thema hingewiesen oder die Initiative ergriffen. Bis zum Jahr 2030 sollen die Emissionen der Branche sogar auf knapp drei Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr steigen – vor allem weil das Volumen an Bekleidung und Schuhen jährlich weiter in schwindelerregende Höhen klettert. Und mehr als 70 Prozent der Emissionen verursacht die Branche bereits bei der Herstellung ihrer Rohstoffe. Auffällig dabei: Der Einsatz von Kunststoffen in Textilien hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. In zehn Jahren könnten Schätzungen zufolge etwa drei Viertel aller Fasern in unserer Kleidung synthetisch sein.

Wäre es nicht großartig, wenn wir einfach davon ausgehen könnten, dass die Produkte unserer Wahl ökologisch und fair hergestellt wurden?

Antje von Dewitz, CEO, VAUDE Sport GmbH & Co. KG

Synthetisch, also aus Erdöl. Der Großteil unserer Kunststoffe ist nach wie vor erdölbasiert. Es wird also nicht nur ein fossiler Rohstoff verbraucht, es entstehen auch CO2-Emissionen. Dabei gäbe es Alternativen, beispielsweise Kunststoffe, die aus landwirtschaftlichen Rohstoffen entstehen. Selbst wenn diese am Ende ihres Lebens verbrannt werden, setzen sie nur so viel CO2 frei, wie die Pflanze während ihres Wachstums gespeichert hat.

Eine besondere Pflanze

Aber Biokunststoffe haben ihre eigene Problematik. Oft basieren sie auf Pflanzen wie Mais, Zuckerrohr oder Zuckerrüben. Es sind Nahrungsmittel, die stattdessen anderweitig genutzt werden könnten, und ihr Anbau verbraucht viel Wasser. Das Ergebnis ist zwar klimaneutral, aber nicht unbedingt „nachhaltig“.

Hier kommt die Rizinuspflanze ins Spiel. Rizinus wächst in trockenen Gegenden und benötigt vergleichsweise wenig Wasser. Vor allem aber ist die Pflanze für Menschen und die meisten Tiere ungenießbar, einige ihrer Bestandteile sind sogar giftig. Aus ihren Samen lässt sich Öl herstellen, etwa 500 bis 2.000 Liter pro Hektar. Das wurde schon in der Antike für Medizin und Kosmetik verwendet. Mit modernen Methoden lässt sich ein Polyamid herstellen, ein Hochleistungskunststoff. Der Chemiekonzern Evonik hat schon vor längerer Zeit das Rizinusöl als alternativen Rohstoff entdeckt und bringt unter dem Namen „Vestamid Terra“ ein darauf basierendes Polyamid heraus.

Atmungsaktiv, robust und elastisch

Aber können biobasierte Kunststoffe tatsächlich herkömmliche ersetzen? Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff, alles hängt von den meist sehr spezifischen Anforderungen ab. Eine Kunststofffaser in der Bekleidungsindustrie beispielsweise soll sich auch ansprechend auf der Haut anfühlen und zum Beispiel atmungsaktiv sein. Das gilt noch einmal deutlicher für die Outdoor-Industrie, bei der Hosen und Jacken ganz bestimmte Zwecke erfüllen müssen: robust, wasserdicht, dehnbar. Muss der Kunde also Abstriche in Kauf nehmen, um sein ökologisches Gewissen zu beruhigen?

Nein, stellte man, fast schon selbst ein wenig beeindruckt, beim Outdoor-Ausrüster VAUDE beim Experimentieren mit Vestamid Terra fest: „Der Kunststoff ist nicht nur nachhaltiger, sondern besitzt wirklich auch bessere Eigenschaften gegenüber konventionellem Polyamidstoff“, sagt René Bethmann, Innovation Manager Materials and Manufacturing bei VAUDE. Das bedeutet in diesem Fall: Feuchtigkeitsmanagement, Tragekomfort und das antistatische Verhalten gegenüber Bakterien sind mindestens gleichwertig, in einigen Bereichen sogar besser als bei bisher üblichen erdölbasierten Kunststoffen. Das Garn aus Vestamid Terra nimmt weniger Feuchtigkeit auf, eignet sich also gut für Streifzüge im feuchten Gras oder bei kurzen Regenschauern. In einem für die Branche eher ungewöhnlichen Schritt nahm VAUDE deswegen direkt Kontakt zu Evonik auf. 2021 kam die erste Trekkinghose unter dem Markennamen Skarvan Biobased Pants auf den Markt. Mittlerweile ist bereits eine zweite Linie mit Jacken und Hosen erschienen.

Eine Hand, bekleidet in Handschuhen und Laborkittel tunkt ein Stück Stoff in ein Gefäß.

Ausgetretene Pfade verlassen

Es ist kein Zufall, dass VAUDE hier die Initiative ergreift. Die Outdoor-Marke hat sich unter ihrer CEO Antje von Dewitz einen sehr klaren Kurs Richtung Nachhaltigkeit verordnet. Es passt auch gut zur Produktwelt: „Wir sind gerne Pioniere“, sagt Benedikt Tröster von VAUDE. „Wir verlassen ausgetretene Pfade.“ CEO von Dewitz, die das Familienunternehmen in zweiter Generation führt, tritt sehr energisch und offenherzig für alle Aspekte rund um Nachhaltigkeit ein. Für den bewussten Umgang mit Rohstoffen genauso wie den Umgang mit den eigenen Mitarbeitenden im Unternehmen. „Wäre es nicht großartig, wenn wir einfach davon ausgehen könnten, dass die Produkte unserer Wahl ökologisch und fair hergestellt wurden?“, notiert sie in ihrem Buch „Mut steht uns gut“. In diesem skizziert sie, wie Unternehmen mit Haltung erfolgreich sein können. Sie spricht darin auch offen darüber, wie schwierig es anfangs war, nachhaltige Materialien zu finden und teilweise auch eigene Mitarbeitende zu überzeugen. Der Erfolg gibt ihr bislang aber recht. Obwohl VAUDE nach eigener Angabe die höheren Kosten der Entwicklung gar nicht komplett an die Kunden weitergibt, wuchs das Unternehmen 2021 um 15 Prozent auf über 125 Millionen Euro Umsatz.

Und VAUDE sind nicht die Einzigen in der Textilindustrie, die in biobasierten Kunststoffen eine zukunftsorientierte Marktnische entdeckt haben. In Italien zum Beispiel wurde der Garnfabrikant Fulgar bereits vor fünf Jahren als erster Textilproduzent auf Vestamid Terra aufmerksam. Fulgar ist im Bereich Polyamidgarn einer der globalen Marktführer mit rund 36 Millionen Kilogramm Garn pro Jahr. Auch hier lobt man das Feuchtigkeitsmanagement der Faser und den Stoff, der sich gleichzeitig leicht anfühlt. Mittlerweile liefert Fulgar das biobasierte Garn an viele Unternehmen, von Outdoor über Unterwäscheherstellern bis hin zu Designern von Abendgarderoben. Und hat derzeit sogar noch eine ganz besondere Kooperation: Mit dem italienischen Reißverschlusshersteller Nyguard, der ebenfalls vom biobasierten Kunststoff begeistert ist, stellt Fulgar Hosen her, die inklusive des Reißverschlusses aus demselben Material bestehen. Damit wäre vonseiten der Hersteller sogar die Voraussetzung geschaffen, Kleidungsstücke komplett zu recyceln – was deutlich erschwert ist, solange unterschiedliche Materialien miteinander verwoben sind.

Pilze statt Leder

Wie vielfältig die Möglichkeiten rund um biobasierte Kunststoffe in der Modebranche prinzipiell wären, lässt sich auch an einer ganz anderen Idee zeigen. Bekleidung und Schuhe aus Myzel, dem wurzelähnlichen Geflecht, das Pilze unter der Erde bilden. Das Material ähnelt Leder, und zahlreiche Start-ups forschen mit Ingenieuren und Wissenschaftlern am Thema. Auch die Pilze benötigen relativ wenig Wasser, sind antimikrobiell und versprechen weniger Chemikalien und Düngemittel zu verbrauchen. Die ersten namhaften Produzenten haben auch hier bereits Produkte auf dem Markt, darunter die Designerin Stella McCartney sowie Adidas mit dem Sportschuh „Stan Smith Mylo“, der seit Herbst 2021 erhältlich ist.

Es ist also im wahrsten Sinne des Wortes einiges am Wachsen in der Textilindustrie. Allerdings muss die Masse der Hersteller solche Innovationen auch aufgreifen – an den Prognosen steigender Textilproduktion ändern einzelne Innovationsbeispiele schließlich zunächst einmal gar nichts.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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