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Giraffes

Der Kontinent der Globalisierung

Afrika wird eher selten genannt, wenn es um Globalisierung geht. Am ehesten noch als angeblicher Verlierer. In Wirklichkeit ist Afrika im Hinblick auf Innovationswillen und Digitalisierung anderen Weltregionen eher voraus. Der Kontinent hat Nutzen aus der Globalisierung gezogen.

In vielen westlichen Industrienationen herrscht ein schiefes Afrikabild, ein Bild des „K-Kontinents“: Krisen, Kriege, Katastrophen und Krankheiten. So sehr, dass zahlreiche andere bemerkenswerte Themen verschwinden, kritisiert Hans Stoisser. Der österreichische Ökonom hat seit Jahrzehnten Afrika im Blick, kennt aber auch die Sicht zahlreicher Europäer auf den Kontinent: „Im Windschatten von Globalisierung und Digitalisierung sind in Afrika Dinge entstanden, die haben wir in Europa nicht gesehen“, sagt Stoisser.

Digitaler Service: Bezahlen per Telefon. Klappt in Kenia auch auf dem Markt. ©Joerg Boethling / Alamy Stock Foto

Am Anfang stand die Kommunikation. Ähnlich wie die Globalisierung der Welt durch moderne Kommunikationskanäle geprägt wurde, erlebte Afrika einen Startschuss, als um die Jahrtausendwende das Mobiltelefon Einzug hielt. „Damals hat kaum jemand außerhalb des Kontinents verstanden, dass Länder, die als rückständig angesehen wurden, Mobiltelefonie brauchen“, rekapituliert Stoisser. Dabei ist es nicht das erste Mal in der Geschichte, dass eine Region, die in einer Technologie hinterherhinkt, einfach eine Technologiestufe überspringt. Tatsächlich stellte sich heraus: Das Telefon war sogar wichtiger als Strom. Weil es Kommunikation, Stromversorgung und Zahlungsverkehr gleichzeitig revolutionierte.

„Mobile Money“ erobert von Afrika aus die Welt

In Kenia und anderen Ländern wurde das Mobiltelefon zum Zahlungsmittel: „Man konnte problemlos seine Bananen bei der Marktfrau mit dem Telefon bezahlen“, schildert Stoisser. Der Ursprung von „Mobile Money“. „Was Innovation angeht, war es wie im Bilderbuch“, fügt er hinzu: „Testen und lernen. Es wurde einfach gemacht und darauf weiter schrittweise aufgebaut.“ Es war so erfolgreich, dass irgendwann die großen globalen Konzerne gar nicht umhinkamen, das System in andere Kontinente zu exportieren.  Wie der französische Mobilfunkkonzern Orange, der in mehr als einem Dutzend Länder mit „Mobile Money“ vertreten ist und nun in Frankreich laut Eigenwerbung die erste „100-Prozent-Mobile-Online-Bank“ eröffnet hat. „Die setzen das, was sie in Afrika gelernt haben, jetzt um. Natürlich verändert und angepasst“, sagt Stoisser.

Im Windschatten von Globalisierung und Digitalisierung sind in Afrika Dinge entstanden, die haben wir in Europa nicht gesehen.

Fällt vom Himmel: Eine Zipline-Drohne wirft aus der Luft Medikamente in einer roten Box ab. ©Joerg Boethling / Alamy Stock Foto

Das gleiche Phänomen ist auch bei einer anderen Innovation zu bestaunen: dem Konzept der Cargo-Drohne, die in Ruanda derzeit eingesetzt wird. Auch hier haben zwar einerseits besondere Umstände den Start begünstigt: eine vergleichsweise dünne Besiedlung, gepaart mit der Notwendigkeit, Medikamente zu weit entfernten Ärzten zu bringen. Gleichzeitig aber wurde die Drohne, die mit dem Fallschirm Medikamentenpakete abwirft, so souverän und gleichzeitig simpel umgesetzt, dass nun Vertreter europäischer Organisationen wie die Deutsche Luftfahrtbehörde vor Ort daraus Lehren ziehen wollen, wie Stoisser erzählt: „Die technische Herausforderung ist vor allem, dass die Drohnen ihren Weg finden; dagegen sind Katapult-Start, Fallschirm und Behälter ja einfache Technologie.“ Das US-Unternehmen Zipline hat mittlerweile nach Ghana expandiert und nach Ausbruch der Corona-Pandemie die Drohnen auch in North Carolina starten lassen.

Weniger Besitzstände, weniger Gegenwind

Ein großer Vorteil, den viele afrikanische Länder im Vergleich zu Europa oder Amerika besitzen: „Es gibt weniger Besitzstände, weniger alte Technologie, weniger Regeln, deswegen können Innovationen leichter entstehen“, sagt Stoisser. Auf diese Weise sind in zahlreichen afrikanischen Großstädten mittlerweile sehr aktive Start-up-Szenen entstanden – initiiert und vorangetrieben von einer Schicht junger Menschen, die international vernetzt sind, zum Teil im Ausland studiert haben und in dieser Hinsicht der global orientierten Jugend in anderen Städten der Welt gleichen. Das wiederum lockte in den vergangenen Jahren auch Menschen aus anderen Ländern wie Deutschland an, Teil der Start-up-Szene zu werden, berichtet Stoisser. „Man findet viele interessante Leute, die spannende Dinge tun.“ Gerade im Bereich E-Government, E-Health oder digitale Versicherung sieht er dort viel Potenzial. „Natürlich hilft es, dass man als Innovator eine echte Chance hat, die Regeln selbst mitzuprägen.“

Hans Stoisser

Hans Stoisser

© Jürgen Sturany

Hans Stoisser arbeitete 1982 erstmals für zweieinhalb Jahre in Afrika. Seit 1992 leitet er die Managementberatung Ecotec, die in Mosambik, Uganda, Kap Verde oder Südafrika Ministerien und Gemeinden berät. In seinem Buch „Der schwarze Tiger“ (2015) erklärt der Ökonom das andere Afrika, das Europa nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Er organisiert Lehrreisen zum Beispiel nach Nairobi und bloggt unter www.hansstoisser.com.

Kenia

Kenia trägt etwa 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung in Ostafrika bei. Es verfügt über einen dynamischen Privatsektor, eine wachsende Mittelschicht und eine engagierte Zivilgesellschaft. Die Hauptstadt Nairobi wird als „Silicon Savannah“ bezeichnet und gilt als Hotspot digitaler Innovationen und einer regen Start-up-Szene. In den vergangenen Jahren wuchs die kenianische Wirtschaft jährlich um fünf bis sechs Prozent. Herausforderungen sind unter anderem ein großes Bevölkerungswachstum und die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Werbung Gemalte Wandwerbung in Kenia erklärt mobiles Bezahlen. © Joerg Boethling / Alamy Stock Foto

Im Zuge dieser Innovationskraft entwickelte sich zum Beispiel auch eine neue Form der Stromversorgung: Über Solarmodule, die ausreichend Strom produzieren, um einen Fernseher oder einen einfachen Haushalt zu versorgen. Die aber nicht an das Stromnetz angeschlossen sind, sondern an das Telefonnetz: Über die eingebaute SIM-Karte wird bezahlt. „Mit diesen Off-Grid Solar Systems ist ein eigenes Geschäftsmodell entstanden, vor allem für ärmere Haushalte in Ostafrika“, erläutert Stoisser.

Zukunftsmärkte für den, der global denkt

Der Unternehmensberater wirbt leidenschaftlich dafür, dass Europa diese Entwicklungen wahrnimmt und Unternehmen ihre Chance in Afrika erkennen – so wie zum Beispiel China das längst getan hat. Und mit jeder Unternehmerreise, die er nach Afrika begleitet, stellt er bis heute fest, dass die erste Erkenntnis für viele Geschäftsleute noch immer darin besteht, den Gegensatz zwischen dem Bild des K-Kontinents und der Realität zu erleben. Etwas unerwartet lieferte das Jahr 2020 den besten Beweis für die globale Vernetzung Afrikas: Angesichts der Corona-Pandemie steuert der Kontinent derzeit erstmals seit 25 Jahren auf eine echte Rezession zu. „Corona ist hier primär keine Gesundheitskrise, sondern eine Wirtschaftskrise, die afrikanische Länder von den globalen Versorgungsketten und sonstigen wirtschaftlichen Verflechtungen abschneidet“, sagt Stoisser. Aber auch wenn Corona jetzt bislang dynamische Wirtschaften ausbremst: „In Afrika liegen wirtschaftliche Möglichkeiten, Zukunftsmärkte und vor allem wachsende Märkte, wenn man langfristig und global denkt.“


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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