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19.12.2019

REISE IN DIE ZUKUNFT

Jeden Monat finden Sie hier eine neue Folge der ESSENTIAL Science-Fiction-Serie Reise in die Zukunft. In einer fiktiven Welt, in der die Ziele des Pariser Klimaabkommens Wirklichkeit geworden sind, erkundet Blogger Nero den möglichen technologischen und gesellschaftlichen Wandel. Ziel der Serie ist es, möglichst kreativ mit ganz unterschiedlichen Visionen zu spielen, und den Leser mitzunehmen auf ein Gedankenexperiment: Wie könnte unsere Zukunft aussehen – und was bedeutet das für uns?

Wissen ist das Gegenteil von Vertrauen

Inspector Lee steht vor seinem bislang kniffligsten Fall. Die KI-Assistenz hat ihm erklärt, dass der Tod der Aktivistin Hanna Karlsen zu 99,7 Prozent ein Selbstmord gewesen sei. Aber die Digitalisierungs-Gegnerin fürchtete sich bereits zu Lebzeiten davor, dass die Künstliche Intelligenz sich gegen sie zur Wehr setzen würde. Eine Verschwörungstheorie? Lee erfährt, dass Karlsen sowohl eine moderne Smartwatch als auch einen Ehering besaß. Beide Gegenstände passen nicht zu ihr. Er geht dem auf eigene Faust nach.


Nachdenklich drehte Inspector Lee den goldenen Ehering zwischen seinen Fingern. Sein Kollege Ortiz stand vor ihm und schüttelte den Kopf:
„Sie sagen also, Hanna Karlsen sei niemals verheiratet gewesen?“
„Nein. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie in den Wochen vor ihrem Tod keine Spontanheirat eingegangen ist. Der Ring hat eine andere Bedeutung.“
„Ein persönlicher Datenspeicher vielleicht? Das wäre nicht ungewöhnlich“, schlug Ortiz vor.
„Ich habe keinerlei Anzeichen für Solarzellen oder eine integrierte Lithium-Ionen-Batterie gefunden. Habe den Energiescanner davorgehalten – der hat keinerlei Ausschlag gezeigt. Wenn der Ring irgendetwas enthält, ein Speichermedium oder einen Computerchip oder eine Energiezelle, dann sind diese auf jeden Fall aktuell leer oder ausgeschaltet.“
„Vielleicht sollten wir ihn einfach mal unter ein Röntgengerät legen?“
Lee nickte. Das wäre eine Möglichkeit. Er fürchtete allerdings, dass der Ring tatsächlich nur ein solider Ring war. Der Inspector seufzte. „Verschwörungen, politische Verwicklungen, Digitalisierungsaktivisten – warum sind die Fälle heutzutage so kompliziert geworden, Ortiz? Früher, da ging es bei Mord noch um klassische Eifersuchtsszenen oder Habgier. Da war alles besser.“
„Ich weiß nicht genau, ob Habgier und Eifersucht besser sind als eine politische Verschwörung, Lee …“

„Das klingt nach einem ziemlich schweren Bug.“

„Vorerst kommen wir mit dem Ring nicht weiter. Schauen Sie mal, was ich über diese Smartwatch herausgefunden habe, Ortiz …“ Lee zeichnete mit seinem Finger das Zeichen für ein neues Holo-Fenster in die Luft. Natürlich reagierte das holografische Bild nicht auf seinen Finger, sondern auf den unter dem Fingernagel implantierten Mikrochip. Lee rief verschiedene Nachrichten über Fehlfunktionen der neuen Eriador XV Smartwatch auf. Tatsächlich gab es da ein paar Fälle weltweit. Und sie wiesen Ähnlichkeiten auf.

„Hier – und hier“, sagte Lee: „Diese neue Smartwatch hat verschiedene Besitzer in die Irre geführt, mit falschen Informationen versorgt oder im entscheidenden Moment versagt.“
Ortiz zog die Stirn in Falten. „Das verblüfft mich“, sagte er. „Ich erinnere mich an die Werbung. Der Hersteller hatte mit den besonders zuverlässigen Sicherheitsfunktionen der Smartwatch geworben! Es hieß, die Uhr würde sich sogar wehren, wenn sie bei Diebstahl oder Raubüberfall entfernt werden sollte! Dass die Uhr falsche Informationen ausspuckt, klingt nach einem ziemlich schweren Bug.“
Lee schürzte die Lippen. Überall Daten und Künstliche Intelligenz, dachte er. In meiner Jugend haben wir uns darüber lustig gemacht, dass Selbstfahrer ihren Navigationssystemen so blind gefolgt sind, dass sie ihr Auto in Flüsse gesteuert haben. Dabei war das nur der Anfang. Wir wollen den Daten glauben, weil sie nützlich sind. Weil sie unser Wissen so unglaublich erweitern.

„Meine Schuhe generieren Energie. Das ist sinnvoll.“

„Irgendwann gewöhnen wir uns so sehr an die ganzen Daten, dass wir gar nichts mehr hinterfragen“, sagte Lee laut. „Ich auch. Ich gelte hier bei der Polizei als etwas seltsamer Kauz, weil ich noch immer keinen KI-Assistenten habe, aber selbstverständlich nutze auch ich die Vorteile. Auch meine Wäsche überträgt wichtige Gesundheitsdaten in Echtzeit an meinen Hausarzt, wo eine KI Alarm gibt, sobald sich etwas dramatisch ändert. Das ist schließlich praktisch und gegebenenfalls lebensrettend. Meine Schuhe messen meine Schritte und generieren Energie durch meine Bewegung. Das ist sinnvoll. Und so weiter.“
Ortiz grinste. „Ich habe mir mal vor Jahren eines dieser ‚Emotion‘-Armbänder zugelegt, die versprochen haben, aus Herzfrequenz, Schweiß und anderen persönlichen Daten meine aktuelle Stimmung herauszulesen und den betreffenden Gegenständen zu Hause zu sagen, welche Musik sie spielen sollen oder ob ich dringend einen Kaffee brauche.“
Lee zog eine Augenbraue hoch. „Und? Hat es funktioniert?“
„Nein. Nicht gut jedenfalls. Aber ich habe gehört, die neue Version soll besser sein.“
„Was ich sagen will, Oritz: Jemand wie ich gilt heutzutage als technikskeptisch, weil ich mir nicht von einer Polizei-KI meine Fälle lösen lassen will. Das ist doch absurd. Ich bin nicht technikskeptisch, ich bin nur …“
„… alt geworden?“
„Vorsichtig.“

„Was haben alle Opfer gemeinsam?“

Lee bemerkte, dass er geistesabwesend den Ring wieder gegriffen und so fest gedrückt hatte, dass ein Abdruck in der Hand zu sehen war. Die Zahnfüllungen, die sein Zahnarzt ihm neulich hatte verkaufen wollen, hätten nun bestimmt Alarm geschlagen, dass er angespannt war und sich durch Zähneknirschen bald Nackenverspannungen und Kopfschmerzen einhandeln würde. Der Inspector rieb sich die Schläfen. „Dabei hatte es doch damals alles so wunderbar angefangen mit der Digitalisierung. Die künstliche Intelligenz sollte uns dabei helfen, aus einer großen Datemenge Muster herauszufiltern, die unserem Auge verborgen bleiben. Klassische Polizeiarbeit, plötzlich tausendfach effektiver: Was haben alle Opfer gemeinsam? Zack, ein paar Sekunden später war die Antwort da.“
„Haben Sie das bei diesen Todesfällen mit der Smartwatch gemacht?“, fragte Ortiz.
Lee stutzte. Gute Idee, eigentlich.
„Computer“, befahl Lee seinem persönlichen Polizeirechner: „Ich möchte aus den Akten der Todesfälle im Zusammenhang mit der Eriador XV Smartwatch die Gemeinsamkeiten aller Verstorbenen gefiltert haben. Und nimm den Fall Hanna Karlsen zusätzlich mit auf.“
Das rote Licht zeigte Lee an, dass der Computer arbeitete.

„Hanna Karlsen passt nicht in die Reihe.“

Zwar nicht nach Sekunden, aber einige Minuten später hatte er sein Ergebnis. Es gab tatsächlich ein auffälliges Muster, ermittelt aus den verfügbaren Daten, Chat-Protokollen und ausgewerteten Anrufen der Verstorbenen: Alle Opfer waren entweder mit ihrer Smartwatch unzufrieden gewesen oder wollten sie aus anderen Gründen loswerden. Einer hatte ausführlich Testberichte zu anderen Modellen durchstöbert. Ein anderer den Wert seiner Smartwatch bei einem Online-Pfandleiher ermitteln lassen. Lee stellte die Ergebnisse als holografisches Bild in den Raum.
„Hanna Karlsen passt nicht in die Reihe“, merkte Ortiz an.
Lee nickte. „Allerdings gibt es von ihr auch kaum Spuren im Netz. Keine unverschlüsselten Chats oder Gespräche. Datenaktivistin eben. Wenn sie ihre Kommunikation irgendwo gespeichert hat, dann nicht für uns zugänglich.“

Inspector Lee trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Die Funktion, dass der Tisch dadurch automatisch Kaffee in der Polizeiküche bestellte, hatte er zum Glück schon vor Monaten deaktiviert. Dann dachte er an das, was sein geheimer Ermittlungspartner Nero ihm heute Morgen aus Rom übermittelt hatte: Nero hatte neben einem gemeldeten Einbruch auch ein paar merkwürdige Bemerkungen dazu fallen lassen, wie ähnlich sich Maschinen und Menschen seien – beide würden Dinge verlernen und vergessen, wenn sie unwichtig sind.
Müsste er Maschinen mehr wie Menschen betrachten, fragte sich Lee.

„Was, wenn die Smartwatches davon erfahren haben?“

„Ich habe eine Idee, Ortiz, aber ich weiß nicht genau, ob sie logisch ist oder verrückt. Helfen Sie mir mal: Diese Smartwatch-Dinger sollen möglichst viel über ihre Besitzer wissen, richtig?“
„Ja, sie ersetzen gewissermaßen KI-Assistenten, nur eben im Retro-Gefühl.“
„Was haben Sie da eben über diese ominöse Diebstahlsicherung gesagt? Die Armbänder erkennen, wenn sie gestohlen werden?“
„Korrekt. Irgendein Sensor erkennt, wenn sie vom Handgelenk entfernt werden, verbunden mit Künstlicher Intelligenz. Der Rest ist Firmengeheimnis. Der Hersteller hat da einen ganz großen Zauber drum gemacht.“
„Jetzt stellen Sie sich mal Folgendes vor, Ortiz: Was, wenn die Smartwatches sozusagen davon erfahren haben, dass sie ausgetauscht werden sollten… Und was, wenn die Künstliche Intelligenz versucht hat, das um jeden Preis zu verhindern? Weil sie ihre Programmierung falsch verstanden haben oder die Künstliche Ingelligenz viel weiter und viel konsequenter gedacht hat als beabsichtigt.“
„Die Armbänder haben ihre Besitzer umgebracht, damit diese sie nicht austauschen?“ Ortiz sah seinen Kollegen entsetzt an.
„Wäre das aus Sicht eines Algorithmus, der auf Diebstahlsicherung programmiert ist, nicht logisch?“
„Es wäre auf jeden Fall eine in jeglicher Hinsicht schlampige Programmierung.“
„Oder eine besonders gute Programmierung, die der KI mehr Entwicklungsraum gegeben hat als geplant.“

„KI, die sozusagen eifersüchtig geworden ist …“

Jetzt müsste man nur noch nachweisen, dass auch Hanna Karlsen aus diesem Grund von ihrer Smartwatch umgebracht wurde, dachte Lee. Damit würde sich allerdings auch die große Verschwörungstheorie in Luft auflösen. Kein System, das sich gegen Datenaktivisten wehrte. Übrig bliebe nur eine Art Programmierfehler und ein unverantwortlicher Hersteller. Kein Wunder, dass die Firma die Geräte zurückgerufen hatte.
„Künstliche Intelligenz, die sozusagen eifersüchtig geworden ist“, meldete sich Ortiz nachdenklich zu Wort. „Hatten Sie sich vorhin nicht gewünscht, Ihre Fälle würden sich wieder mehr um Eifersucht und Emotionen drehen?“
„Ich hatte eher an Ehestreitigkeiten gedacht, Ortiz.“
Was ihn zu dem Ehering zurückbrachte.
Lee stand auf, und lief einige Schritte im Raum herum. Manchmal half das beim Denken. Ein sehr leises Surren kündigte an, dass seine Schuhe damit begonnen hatten, die durch das Laufen gewonnene Energie umzuwandeln und zu speichern. Angeblich tüftelten Wissenschaftler derzeit sogar daran herum, die Körperwärme aus den Socken in Energie umzuwandeln …
Lee blieb stehen.
„Körperwärme!“, sagte er laut. Er steckte sich den Ring an den Finger. Kurze Zeit später erklang ein ganz leises Surren. Im Inneren war eine Festplatte oder ein Computerchip durch die Wärme in Gang gesetzt worden.
Und ich wette, das Passwort ist der angebliche Hochzeitstag, dachte Lee.

Der goldene Ehering enthielt Gesprächsprotokolle, private Chats und Daten, die Hanna Carlsen in den Speicher ausgelagert hatte. Inspector Lee benötigte einen ganzen Tag, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die brisanten Pläne zu politischen Anti-Digitalisierungs-Aktionen interessierten ihn nicht. Er suchte ausschließlich nach Gesprächen, in denen Hanna Karlsen ihre Smartwatch erwähnt hatte. Und er wurde fündig: Offenbar hatte sie sich die Uhr ausschließlich deshalb zugelegt, weil diese eine besondere Schnittstelle zur Datenübertragung besaß. Danach wollte sie sie direkt wieder entsorgen. Das hatte sie einem Freund erzählt.
„Da haben wir die Verbindung“, murmelte Lee vor sich hin. Aber wenn es keine großangelegte KI-Verschwörung gab – warum hatte der Polizeicomputer ihm dann den Fall entzogen? Und warum war die Polizei-KI nicht längst auf diese auffällige Verbindung gestoßen?

[Die Antwort auf diese Fragen findet Inspector Lee im sechsten und letzten Kapitel …]

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