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20.08.2020

Eine überholte Alternative

Wer heutzutage von alternativen Antrieben spricht, der meint Wasserstoff und E-Batterien. Wer in den 1940er Jahren davon redete, der hatte wohl eher den Holzvergaser im Sinn. Zumindest in den Teilen Europas, in denen fossile Treibstoffe zur Mangelware geworden waren. Einblicke in eine vergessene und überholte Technologie.

In Museen oder auf alten Fotografien stechen sie sofort ins Auge: Autos und Lastkraftwagen, die über merkwürdige Auf- beziehungsweise Anbauten verfügen. Es sieht so aus, als würden sie einen massiven Kessel oder Ofen transportieren. Von dort führen Rohre an der Karosserie entlang zum Motorraum, in dem sie verschwinden. Die Konstruktion verhalf in den 1940er Jahren zahlreichen Fahrzeughaltern zur Mobilität. Denn Benzin und Diesel waren im Zweiten Weltkrieg und in den Nachkriegsjahren ein durchaus rares Gut. Insbesondere in Deutschland. Aber auch in der Schweiz sowie in entfernten Regionen der Sowjetunion. Die Lösung: Antrieb dank Holzvergaser, mit Brennholz als Treibstoff.

In den 1940er Jahren fuhren mehrere Millionen Fahrzeuge in Deutschland mit Holzvergasern.

Obwohl der Prototyp eines holzgasbetriebenen Lastwagens schon vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde, war ihm zunächst kein Erfolg beschieden. Entwicklungen in den 1920er und 1930er Jahren verbesserten die Technologie, aber erst mit dem Zweiten Weltkrieg war sie in bestimmten Ländern rege nachgefragt. Allen voran in Deutschland, wo der Holzvergaser für LKW und Busse gar gesetzlich vorgeschrieben wurde. Schätzungen gehen davon aus, dass in den 1940er Jahren mehrere Millionen Fahrzeuge in Deutschland mit Holzvergasern fuhren. Als in der Nachkriegszeit die größte Not bewältigt war, zog er allerdings gegenüber den Benzinern und Diesel-Fahrzeugen den Kürzeren. Zum einen war der fossile Treibstoff wieder ausreichend verfügbar und günstig. Zum anderen hatte der Holzvergaser diverse Tücken.

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Kessel oder Ofen?: Autos und Lastkraftwagen, die über merkwürdige Auf- beziehungsweise Anbauten verfügen.

Geringe Reichweite und langwierige Inbetriebnahme

Es war nicht etwa so, dass sich jedes x-beliebige Holz für den Antrieb eignete. Am besten funktionierte er mit Hartholz, wie es die Buche lieferte, das über mehrere Monate zu trocknen war. Eben mal auf der Fahrt einen dicken Ast zu Tankholz verarbeiten und damit weiterfahren, war selbst in waldreichen Regionen keine Option. Zudem musste das Holz auf die richtige Klötzchengröße zerkleinert werden. Manch Fahrzeughalter führte Reserveholz auf dem Dach oder in einem Anhänger mit, um unterwegs „nachtanken“ zu können. Das erhöhte wiederum das Gewicht des Fahrzeugs, das durch den Vergaser ohnehin schon schwerer geworden war als ein konventioneller Verbrenner. Drei Kilogramm „Holzgas“ ersetzten rund einen Liter Benzin. Die Reichweite betrug je nach Größe des Holzvergasers lediglich 80 bis 170 Kilometer. Daneben hielt die Motorleistung nicht mit anderen Treibstoffen mit. Die Leistungseinbußen betrugen um die 20 Prozent.

Die Reichweite betrug je nach Größe des Holzvergasers lediglich 80 bis 170 Kilometer.

Neben diesen Nachteilen erforderte der Betrieb selbst allen voran eines: Geduld. Bevor sich ein Auto oder Lastwagen auch nur einen Meter bewegte, vergingen mehrere Minuten. Zunächst musste Holzkohle im Generator – dem ofenähnlichen Anbau – entzündet werden, bevor das Holz auf die sich bildende Glut gegeben wurde. Das sich bildende Gasgemisch wurde auf dem Weg zum Verbrennungsmotor noch heruntergekühlt und gefiltert. Auch nach der Fahrt musste der Fahrer Zeit mitbringen, um den Generator zu reinigen und das System regelmäßig zu warten. Auf längeren Fahrten war es regelmäßig zu kontrollieren.

Der Holzvergaser: eine Notlösung

Daneben barg der spezielle Antrieb Gefahren, die bei unsachgemäßer Handhabe drohten. Etwa durch das erzeugte Gasgemisch mit einem hohen Anteil an geruchlosem Kohlenstoffmonoxid, das in geschlossenen Räumen wie Garagen zu Vergiftungen führen konnte. Auch der sich auf mehrere hundert Grad erhitzende Generator war mit Vorsicht zu behandeln. Etwa beim „Nachtanken“ mit Brennholz. Nicht von ungefähr mussten Fahrer von Holzvergaser-Fahrzeugen – zumindest in Deutschland – einen gesonderten Führerschein erwerben. Heute begeistert der Holzvergaser lediglich Tüftler und eine kleine Szene in holzreichen Gegenden wie Kanada oder Skandinavien. Eine wirkliche Antriebsalternative stellt er jedenfalls nicht dar. Historisch betrachtet war er ein funktionierender und durchaus leistungsfähiger Antrieb, aber eben auch nur eine absolute Notlösung.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und –märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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