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Eine rote Installation des Wortes
07.09.2021

Der Optimist

Reichen die Ressourcen der Welt für zehn Milliarden Menschen, die in Wohlstand leben wollen? Klar, sagt der schwedische Historiker und Autor Johan Norberg. Mit Fortschritt und Offenheit für Neues eröffnen sich Wege.

Ende der 1980er Jahre bereitet Johan Norberg in einem Vorort Stockholms seine Wahl zum Schulsprecher vor. Er träumt von einem freien Leben auf dem Land, das moderne, industrialisierte Schweden und dessen Schulsystem erscheinen ihm voller Zwänge. So gründet der 15-Jährige eine eigene Schülerpartei, die sich „Anarchistische Front“ nennt. Im Jahr 2001 – Norberg hat mittlerweile sein Geschichtsstudium abgeschlossen – demonstrieren 250.000 Globalisierungskritiker während des G8-Gipfels in Genua. Zeitgleich publiziert Norberg ein Buch, in dem er Globalisierung und Kapitalismus verteidigt. Es wird in 25 Sprachen übersetzt, der Erfolg ermöglicht Norberg fortan ein Leben als freier Schriftsteller. Heute spricht er von einem allmählichen Prozess des Nachdenkens, der ihn vom Anarchisten zum Liberalen gemacht hat. Und doch gibt es einen Schlüsselmoment: Während des Studiums, als er in Aufzeichnungen seiner Familie recherchiert, begreift er: Im 17. Jahrhundert reicht ein einziges Jahr mit schlechtem Wetter und einer ausgefallenen Ernte – und ein Großteil seiner Vorfahren verstirbt. Die letzten Reste seines romantischen Bildes von der „guten alten Zeit“ zerbrechen.

Der wichtigste Rohstoff ist das menschliche Gehirn, und das ist potenziell unendlich.

Johan Norberg, Schwedischer Historiker und Autor

Das goldene Zeitalter der Menschheit sei hier und heute. Es sind solche Sätze, mit denen Norberg bei seinen Lesern Begeisterung und Widerspruch zugleich entfacht. In „Fortschritt“, 2016 erschienen, rechnet er vor: Legt man die Definition der Vereinten Nationen zugrunde, lebten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts 90 Prozent der Menschheit in extremer Armut – ein Wert, der mittlerweile auf neun Prozent gesunken ist. Die Lebenserwartung hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt, und zwar nicht nur in den reichen Ländern des Westens, sondern im globalen Durchschnitt. Alphabetisierung, Gewaltbekämpfung, Gleichberechtigung und sogar Umweltschutz, überall seien gewaltige Fortschritte zu verzeichnen. Das Buch wird überwiegend begeistert rezensiert, doch immer wieder hört Norberg auch empörte Stimmen: „Sie haben Ihre Fakten, und ich habe meine Geschichten“, so der Vorwurf.

Ein Junge vor einem großen roten Plakat mit der Aufschrift Community is strength.
Corona-Aufruf: Wirklich große Probleme können Menschen nur durch Zusammenarbeit lösen. © Richard Baker: Alamy Stock Photo

Händler und Stammesangehörige

In seinem jüngsten Werk „Offen“ geht Norberg einen Schritt weiter: Er deutet den Fortschritt als Funktion der Offenheit. Anhand zahlreicher historischer Beispiele zeigt er auf, dass die Epochen, die wir als Hochkulturen bezeichnen, alle durch einen intensiven Austausch von Ideen und Waren gekennzeichnet sind. Das Handeln läge in der Natur des Menschen. Norberg belegt aber auch, dass die menschliche Entwicklung viele Rückschläge kennt. Eines der eindrucksvollsten Beispiele: Zu Beginn des 15. Jahrhunderts besitzt China die stärkste Seeflotte der Welt mit Schiffen von weit über 100 Meter Länge, denen gegenüber die „Santa Maria“ von Kolumbus wie eine Nussschale wirkt. Mithin hätte China den amerikanischen Kontinent entdecken und erobern können. In der Ming-Dynastie wird die Flotte jedoch zunächst verstaatlicht, kurze Zeit darauf der Seehandel eingestellt. Die wiederkehrende Ursache dafür, dass sich Gesellschaften verschließen, sieht Norberg in der zweiten Natur des Menschen als „Tribalist“, also in der Tendenz, das Wohlergehen des eigenen Stamms allem anderen voranzustellen – und damit das Gegenteil zu bewirken. Ist die von Autokraten und Handelskonflikten geprägte Gegenwart nicht genau auf diesem Weg? Norberg sieht Anzeichen dafür: „Die doppelte Natur des Menschen erlaubt uns nicht, aus dem Zyklus auszubrechen. Seit der Finanzkrise nutzen immer mehr Populisten die Chance, die ihnen der Tribalismus bietet.“ Als die ESSENTIAL-Redaktion Norberg im Januar 2021 per Video dazu befragt, ist infolge der Corona-Pandemie nahezu die ganze Welt geschlossen. Dennoch strahlt er Optimismus aus. „Natürlich wird jetzt sehr viel über Wertschöpfungsketten diskutiert. Aber die Welt hat vielleicht auch gelernt, dass man wirklich große Probleme nur in globaler Zusammenarbeit lösen kann.“ Es gäbe durchaus eine Chance, dass nach der Pandemie goldene zwanziger Jahre auf uns zukommen.

Johan Norberg

Porträt von Johan Norberg

Geboren 1973, studierte Geschichte an der Universität Stockholm und arbeitete ab 1999 für den schwedischen Thinktank Timbro. Sein zweites Buch “Das kapitalistsche Manifest” erschien im Jahr 2001 und wurde in mehr als 25 Sprachen übersetzt. Der wirtschaftliche Erfolg des Buches erlaubte Norberg, ab 2006 als freier Autor zu leben. Zu seinen bekanntesten Publikationen gehört “Fortschritt”, dessen deutsche Ausgabe den Untertitel “Motivationsbuch für Weltverbesserer” trägt. Als Senior Fellow des US-amerikanischen Cato-Instituts setzt er sich unter anderem für Freihandel ein.

Offene Türen

Dass ein Ressourcenengpass uns daran hindern könnte, sieht Norberg nicht. „Der wichtigste Rohstoff ist das menschliche Gehirn, und das ist potenziell unendlich.“ Nicht der Vorrat an Kupfer oder Lithium entscheide darüber, ob Wohlstand für zehn Milliarden Menschen zu erreichen sei, sondern offener Austausch, offene Geister und offene Gesellschaften. Zudem plädiert Norberg für „offene Türen“, eine mehr oder minder ungehinderte Migration. Viel Ärger habe er aufgrund dieser These gehabt, sieht sich aber immer wieder bestätigt.

Ein Fahrradfahrer fährt an einer Reihe von roten Postern vorbei mit der Aufschrift
Plakatkampagne in Großbritannien: Kann der Mensch seine Stammesnatur überwinden? © Richard Baker: Alamy Stock Photo

Auch die Klimakrise ist Norberg zufolge nur durch Innovation zu überwinden – und einen Preis für den CO2-Ausstoß, der solche Innovationen fördert. Mit seiner Mitbürgerin Greta Thunberg hat er darüber nicht diskutiert, wohl aber mit vielen ihrer Anhänger. Und mit Politikern, die mit Technologieoffenheit oft nichts anfangen können und im Detail regulieren wollen, wie ein wünschenswerter Zustand erreicht werden soll. Norberg, der sich in ein klassisches Links-rechts-Schema nicht einordnen will, plädiert für Zielvorgaben anstelle konkreter Pläne. Immer wieder wird er gefragt, warum er sich nicht selbst politisch engagiert. „Ich fühle mich in der Rolle desjenigen wohl, der neuen Ideen zum Durchbruch verhilft“, antwortet er dann. Dafür sei es wichtig, über Dinge zu sprechen, mit denen die Mehrheit nicht einverstanden sei. In der Politik müsse man hingegen genau das Gegenteil tun.

Dass sich Norberg solcher Verantwortung entzieht, liegt aber wohl auch an der Sehnsucht nach Freiheit, die ihn schon seit Schülertagen antreibt und die er als Autor ausleben kann. Er schreibt immer und überall, in jedem Zimmer seines Hauses, gerne in Cafés oder auf Reisen, zu jeder Tageszeit. Wenn nebenbei das Smartphone brummt und ihm einen neuen Tweet anzeigt, stört ihn das nicht – es könnte ihn ja auf eine neue Idee bringen. Was sein nächstes Projekt ergeben wird, weiß er selbst noch nicht genau. Nur so viel: „Ich werde mich mit großen Missverständnissen beschäftigen und versuchen, diese aus der Welt zu schaffen.“ Also genau das, was er schon seit 20 Jahren tut.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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