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Kautschukbaum wird angeritzt
17.12.2019

Rohstoff aus der Rinde

Kautschuk ist der natürliche Rohstoff für Gummi. Größter Exporteur von Naturkautschuk ist Thailand. Dort setzen erste Plantagen und Produzenten auf nachhaltige Anbaumethoden – etwa mit dem Verzicht auf Pestizide und einer Abkehr von der Monokultur.

Es ist stockfinstere Nacht. Zu sehen ist nur ein Lichtkegel der Stirnlampe eines Arbeiters, der sich einen Weg durchs hohe Gras zu den Baumreihen bahnt. Beim ersten Kautschukbaum kratzt er mit einem Spezialmesser vorsichtig eine feine, schräg von links oben nach rechts unten verlaufende Ritze in die äußere Rinde. Sofort füllt sich der Schlitz mit weißem Milchsaft, der unter der Rinde in den Kapillaren zirkuliert, in eine Schiene tropft und von dort in einen am Stamm befestigten Plastikbecher gelangt. Bei der weißen Flüssigkeit handelt es sich um Latex, der zu etwa einem Drittel aus Naturkautschuk besteht.

Die Milch auskippen: An der Sammelstation wird der Latex mit Ammoniak versetzt, um ihn haltbar zu machen.

Für die Ernte, das sogenannte „Tapping“, benötigt der Mann pro Baum nur ein paar Sekunden. Bis zu 500 Bäume schafft er pro Nacht. Stunden später, wenn im Morgengrauen der Frühnebel über dem Tal aufsteigt, sind die Becher voll, der Fluss versiegt. Latex müsse am Morgen geerntet werden, bevor die Temperatur 25 Grad übersteigt, sagt Sudthida Thantanon, Chefin der Firma Phattalung Paratex. Ihr Unternehmen betreibt nicht nur die Kautschukplantage, sondern exportiert den gewonnenen Latex auch.

An der Sammelstation scheint die Sonne, als gegen acht Uhr morgens die letzten „Tapper“ ihre Ernte bringen – einige zu Fuß, andere mit dem Moped aus entfernteren Teilen der Plantage. Ein Manager wiegt die Fässer ab und entnimmt aus jedem eine Probe für Tests auf Kautschukgehalt und Qualität. Dies ist entscheidend für die Bezahlung der Tapper, mit denen das Unternehmen die Einnahmen teilt. Dann wird der Latex mit Ammoniak versetzt, um ihn haltbar zu machen. Sofort zieht ein beißender Geruch durch den offenen Raum. „Latex verdirbt schnell – wie Milch oder ein Curry“, sagt Thantanon. Die Tapper gehen nun schlafen, während ein Tanklaster den Latex in die Fabrik bringt, wo er für den Export vorbereitet und in Fässer abgefüllt wird.

70 Prozent werden zur Herstellung von Reifen verwendet

Kautschukbäume wachsen ausschließlich in den Tropen. Rund 85 Prozent des globalen Naturkautschuks stammen aus Südostasien: Neben Thailand, dem weltweit größten Exporteur, kommen Vietnam, Malaysia, Indonesien, Kambodscha und Myanmar auf größere Marktanteile. Rund 70 Prozent der weltweiten Latexernte gehen in die Reifenherstellung. Andere Produkte aus Naturkautschuk sind Gummi­Komponenten zur Schwingungsdämpfung im Automobil, aber auch Matratzen, Schuhsohlen, Gummistiefel und Kondome. Naturkautschuk ist unter starken Belastungen stabiler und langlebiger als die aus Rohöl hergestellte synthetische Variante.

In manchen Ländern mussten primäre Regenwälder den Kautschukplantagen weichen.

Die Nachfrage nach Latexprodukten stieg in der Vergangenheit stetig an. In manchen Ländern mussten primäre Regenwälder den Kautschukplantagen weichen. Der natürliche Rohstoff rückt deswegen in den Abnehmerländern zunehmend in den Fokus, wenn es um mehr Nachhaltigkeit in den Lieferketten geht. Das Abholzen der Regenwälder soll möglichst vermieden und der Anbau umweltfreundlicher gestaltet werden. Das ist nicht einfach zu kontrollieren: 85 Prozent des Naturkautschuks werden nach Informationen des World Wide Fund for Nature (WWF) von Kleinbauern angebaut. In Thailand sind es laut dem Kautschuk­Importeur Weber & Schaer, der mit Phattalung Paratex seit vielen Jahren zusammenarbeitet, sogar 93 Prozent. Phattalung Paratex erhält Latex von mehreren dieser Kleinbetriebe, da die eigene Plantage die Nachfrage nicht decken kann.

Unberührter Urwald: In den „Kautschuk-­Waldgärten“ erforschen die Bauern, welche Nutzpflanzen sich für die Mischkultur eignen.

Verzicht auf Pestizide

Sudthida Thantanon ist sehr an mehr Nachhaltigkeit gelegen. Seit zwei Jahren setzt sie in der Plantage keine Pestizide mehr ein. Das Familienunternehmen arbeitet an einer Zertifizierung mit dem neu eingeführten Kautschuksiegel des Forest Ste­wardship Council (FSC). Nächstes Jahr unterzieht sich das Unternehmen einem vorläufigen Audit, um Genaueres über die Bedingungen zu erfahren. Viele der möglichen Forderungen erfülle die Firma bereits, sagt Thantanon: neben dem Verzicht auf Pestizide etwa das Klären der Abwässer und das Trennen von Müll. Das Unternehmen verwertet jedes Beiprodukt, das nutzbar ist – von der Latexhaut bis zum Gummischaum, der vom firmeneigenen Klärwerk abgesondert wird. Alte Bäume werden gefällt und das Holz verkauft, etwa zum Bau von Möbeln. Auch ihre Lieferanten möchte Thantanon für das FSC­Siegel gewinnen. Weber & Schaer unterstützt diese Plantagen bei den Audits auch finanziell.

Abschied von der Monokultur

Kautschuk wird in aller Regel in Monokultur angebaut. Mit großflächigem Pestizideinsatz bekämpfen die Bauern hohes Gras, in dem sich Schlangen verstecken können. Damit gehen aber auch andere Pflanzen verloren – und mit ihnen die Tiere, die sich von diesen Pflanzen ernähren. Die nackten Böden halten die Feuchtigkeit schlechter und sind anfällig für Erosion. In Thantanons Plantage dagegen wachsen zwischen den Kautschukbäumen kleine Palmengewächse, Ranken, Heilkräuter und wilder Ingwer, an dessen Blütenpollen sich die Bienen bedienen. Früher haben sich die Menschen keine Gedanken gemacht, da Latex ja kein Lebensmittel sei, erzählt die Unternehmerin. „Niemand dachte über die Gesundheit der Arbeiter nach, die die Pestizide einatmen – oder darüber, dass der Regen die Pestizide in die Flüsse spült.“ Aber die Umstellung hat ihren Preis. Für den Einkauf der Pestizide musste die ganze Plantage umgerechnet rund 300 Euro im Jahr aufwenden; jetzt zahlt Phattalung-Paratex für das manuelle Roden des Unkrauts das Zwanzigfache.

FST Kautschuk

Den Bauern macht der niedrige Kautschukpreis zu schaffen.

Eigentlich hat Sudthida Thantanon noch ein ganz anderes Ziel: den Abschied von der Monokultur. Im Dorf Tambon Kampengphect steht sie mit einer Gruppe Bauern in einer Plantage, die fast wie ein Garten erscheint. Zwischen Kautschukbäumen wachsen Bambusbüsche, Blattgemüse und junge Hopea­-Bäume, die einmal bis zu 45 Meter in die Höhe aufragen werden. In Holzkisten leben Bienen, die einen feinen, leicht säuerlichen Honig produzieren. Es ist grüner und feuchter als in traditionellen Kautschukplantagen. Nachbar Niran Suwarno hatte als Erster Setzlinge für Hopea­Bäume zwischen die Gummibäume gesetzt, die er kostenlos von der Regierung bekommen hatte – und damit die Kooperative für die „Kautschuk­Waldgärten“ im Dorf angestoßen. „Die anderen haben gesehen, was es bringt. Ich pflanze inzwischen mehrere Holzarten, Pfeffer, Kräuter, Gemüse und Obst“, sagt Suwarno, der oft zu Vorträgen eingeladen wird.

Latex-Express: Einige „Tapper“ bringen ihre Ernte mit dem Moped zur Sammelstation.

Forschung an passenden Nutzpflanzen

Sudthida möchte sich von der Kooperative beliefern lassen – und lernt zugleich von ihr. Vor zwei Monaten pflanzte sie auf einer durch das Fällen alter Bäume frei gewordenen Fläche die neuen Setzlinge weiter auseinander, um mehr Zwischenraum für andere Pflanzen zu haben. Zwischen hohen Gräsern verstecken sich die erst etwa 50 Zentimeter hohen Kautschuk­Pflänzchen. Welche anderen Nutzpflanzen hier für die Mischkultur geeignet sind, wird eine Analyse des Bodens zeigen. Phattalung Paratex unterstützt gemeinsam mit Weber & Schaer ein biologisches Forschungsprojekt der Kooperative, das den Bauern Erkenntnisse bei der Auswahl der passenden Nutzpflanzen liefert und ihnen so neben einer besseren Umwelt auch zusätzliche Einnahmequellen erschließt.

Das ist wichtig, denn aktuell macht den Bauern der niedrige Kautschukpreis zu schaffen. Die unsichere globale Wirtschaftslage drückt neuerdings auf die Nachfrage – und damit den Preis an den Naturkautschukbörsen in Tokio und Singapur. 2010 lag der Preis für ein Kilogramm Feldlatex nach Daten von Weber & Schaer noch bei etwa 3,30 Euro, aktuell bei weniger als 1,20 Euro. Als Minimum für ein Auskommen der Kleinbauern gilt ein Preis von 1,50 Euro. Trotz der Vorteile der Mischwirtschaft sind die Hürden für die Umstellung für jeden Einzelnen aber hoch, da er erst einmal investieren muss. Für nachhaltiges Wirtschaften vom Kunden einen Aufpreis zu bekommen ist schwierig. „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten“, ist sich Sudthida Thantanon bewusst. Aber sie selbst ist überzeugt, dass der Kautschuk­Waldgarten mit vielen Nutzpflanzen der richtige Weg in die Zukunft ist.

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