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11.10.2022

Auf der Suche nach dem Heiligen Gral

Kanu-Olympiasieger, Bootskonstrukteur, Streckendesigner: Thomas Schmidt hat bereits viele Rollen ausgefüllt. Stets hatte er intensiv mit Kunststoffen zu tun – und profitierte von deren Vorteilen.

Thomas Schmidt, den 20. September 2000 werden sie sicher nie vergessen.

Schmidt: Nein, wie könnte ich. Ich wurde in Sydney Olympiasieger im Kanuslalom! Beim wichtigsten Wettkampf überhaupt zu gewinnen, das war unfassbar. Ich war im ersten und im zweiten Durchgang über drei Sekunden schneller als meine Konkurrenten. Und das, wo es in meinem Sport immer eng zugeht. Wir müssen im Wildwasser durch Tore paddeln, ohne diese zu berühren, auch gegen den Strom. Eine Berührung gibt Strafsekunden. Aber an diesem Tag passte bei mir alles. Ein absoluter Traum!

Dennoch kam ihr Erfolg letztlich überraschend.

Definitiv. Ich hatte mir ein Jahr zuvor die Schulter ausgekugelt. Für einen Kanuten ist das eine sehr schwere Verletzung. Eine Operation war unausweichlich. In der Reha sah es tief drinnen in mir zeitweise finster aus. Ich musste erst wieder lernen, geradeaus zu fahren. Während das Nationalteam in Australien und Neuseeland trainierte, musste ich zu Hause alleine ran. Das war letztlich aber sogar ein Vorteil.

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Thomas Schmidt

Thomas Schmidt, Jahrgang 1976, bestritt im Alter von neun Jahren seine ersten Kanuslalom-­Wettkämpfe. 2000 gewann er bei den Olympischen Spielen in Sydney Gold, ein Jahr später den Gesamtweltcup. Nach einem fünften Platz bei den Olympischen Spielen in Athen beendete er 2004 seine Karriere.

Der Diplom­Ingenieur (Maschinenbau) und Master of Engineering Studies arbeitet seit 2016 bei KUKA. Das Unternehmen hat sich auf intelligente Automatisierungslösungen spezialisiert. Als Key Account ist er für den Vertrieb von Reibschweißmaschinen mit den dazugehörigen Automatisierungslösungen zuständig.

Kann man spüren: Der Unterboden glänzt mit herausragenden Materialeigenschaften.

Warum?

Ich habe meine Technik umgestellt, ganz viel mental gearbeitet und extrem an meinem Boot gefeilt. Als meine Teamkollegen zurückkamen, war ich plötzlich schneller als sie und habe mir den Startplatz gesichert.

Was konkret haben Sie am Boot verändert?

Ich habe das Boot eines schwereren Kollegen übernommen, was nicht ungewöhnlich ist. Ich musste es aber auf mein Körpergewicht und meine Bedürfnisse anpassen. Sonst wäre ich aufgrund der Höhe beim Paddeln dauernd irgendwo angeschlagen. Auch das Heck hätte ich nur schwer unter Wasser bringen können. Das ist allerdings für das Steuern und das Tempo essenziell. Ich musste es flacher machen.

Wie geht das?

Ein Kajak besteht aus zwei Teilen, einer Ober- und einer Unterschale. Ich habe die Oberschale des Bootes abgenommen, zwei bis drei Zentimeter abgeflext und dann wieder auf die Unterschale geklebt. Ich habe die Sitzposition verändert und das Zusatzgewicht anders positioniert. So wurde aus einem guten Boot ein noch besseres Boot.

Ist es üblich, dass Spitzenkanuten selber Hand an ihr Boot legen?

Durchaus. Auch wenn die Hersteller rund 20 bis 30 Modelle in Umlauf bringen, so ist es für einen Athleten wichtig, beim Boot das für ihn richtige Maß zu finden. Nicht zuletzt aufgrund des individuellen Fahrstils. Denn letztlich macht das Gesamtpaket aus Sportler, Boot und Paddel den Erfolg aus. Es wird also immer getüftelt. Alle sind auf der Suche nach dem heiligen Gral.

Baukasten: Ein Kayak besteht aus unterschiedlichen Stoffen und Einzelteilen.

Schon allein deshalb dürften sich die heutigen Wettkampfboote enorm von den ursprünglichen Kajaks unterscheiden?

Definitiv. Gerade beim Material. Unsere Kajaks gehen auf die Boote der Eskimos zurück. Diese bestanden aus Holz und Knochen und waren mit Tierhaut bespannt. Die ersten Wettkämpfe wurden mit Faltbooten bestritten. Bei ihnen war imprägnierter Zeltstoff aus Leinen auf einen steckbaren Holzrahmen gespannt. Vor rund 50 Jahren setzten sich Kunststoffboote durch. Zunächst aus glasfaserverstärktem Kunststoff, heute aus kohlefaserverstärktem. Das Einzige, was in einem modernen Kanu nicht aus Kunststoff ist, sind die Fußstützen, die sind aus Aluminium.

Wie haben wir uns die Kunststoffhaut eines Kajaks vorzustellen?

Das Kohlefasergewebe wird zusammen mit Epoxidharz – einem Kunstharz – in mehreren Schichten zu einem drei Millimeter starken Laminat verarbeitet. Man muss sich die Wand eines Bootes vorstellen wie ein Sandwich. Auf zwei Einzelschichten Kohlefasergewebe und Epoxidharz folgen eine Schicht Polyurethanschaum als Abstandhalter und dann wieder zwei Schichten Gewebe und Harz. Das ist wie bei der Wand eines Wohnwagens.

Warum eignet sich Kunststoff so gut für Ihren Sport?

Kunststoff bietet große Freiheiten beim Bootsdesign. Es erleichtert die Formgebung. Daneben lassen sich Boote aus Kunststoff schnell herstellen. Und: Das Material ist superleicht, aber dennoch fest und zäh. Diese Widerstandsfähigkeit ist wichtig, denn bei mir in Augsburg gibt es Hindernisse aus Beton. Das muss ein Boot wegstecken können. Das geringe Gewicht erleichtert wiederum das Steuern enorm.

Wie wirkt sich das im Wasser aus?

Das Drehverhalten ist deutlich besser. Die Fahrtechnik hat sich mit den neuen Booten weiterentwickelt. Heute werden Manöver gefahren, die so vor zehn Jahren nicht möglich waren. Es reichen weniger Paddelschläge aus, um ein Tor gegen die Strömung zu durchfahren. Insgesamt sind die Boote schneller geworden.

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Die Regeln

Ein Kajakfahrer fährt durch einen Wildwasserkanal.
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Farbenlehre: Die Farbe der Stange gibt  im Wildwasserkanal die Richtung vor.

Grün-weiß: Ein Abwärtstor ist fluss­ab­wärts zu durchfahren und wird durch zwei grün-weiß gestreifte Stangen markiert. Jedes Tor ist zudem durch ein Schild nummeriert. Es muss in Fahrtrichtung lesbar sein. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Nummer durchgestrichen.

Rot-weiß: Ein Aufwärtstor muss gegen die Strömung flussaufwärts durchpaddelt werden. Es besteht aus zwei rot-weiß gestreiften Stangen.

Man könnte also sagen, ohne Kunststoff stünde der Kanuslalom nicht da, wo er heute steht?

Er wäre in der Form undenkbar. Wir würden im übertragenen Sinne noch auf den Bäumen hocken.

Vor den Olympischen Spielen 2004 konnten Sie sogar Ihre eigenen Wettkampfboote bauen.

Das stimmt. Nach meinem Studium war es mir ab 2002 möglich, ein auf mich zugeschnittenes Forschungsprojekt an meiner Hochschule zu leiten, das finanziell unterstützt wurde. Ein wesentliches Ziel bestand darin, den Herstellungsprozess zu optimieren.

Wie sahen die einzelnen Arbeitsschritte bei Ihren Booten aus?

Man braucht immer eine Negativform, in die man laminieren kann. Denn nur so wird die Außenhaut des Bootes richtig glatt. Um eine Negativform anfertigen zu können, benötigt man einen Positivblock. Er stellt nichts anderes dar als die Form des Kajaks. Die haben wir am Computer ausgetüftelt und dann mit einer Fräsmaschine aus Formkunststoff herausgearbeitet. Die gewünschte Negativform erhielten wir, indem wir Glasfaserlaminat auf den Positivblock aufbrachten.

Die Negativform erlaubt es also erst, die Hülle des Bootes anzufertigen.

Genau. Das oben erwähnte Sandwichmaterial. Ich habe in Epoxidharz vorgetränkte Kohlefasern und einen speziellen Schaum aus Polyurethan verwendet, die ich faltenfrei in die Negativform geben konnte. Nachdem wir die beiden Formhälften des Kajaks aufeinander gefügt hatten, musste das Boot perfekt aushärten. Das gelang unter großem Druck in einem speziellen Ofen, einem Autoklaven.

Paddelkönig: Thomas Schmidt holte 2000 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney im Kanuslalom.

Wie haben Sie sichergestellt, dass sich die Form des Bootes dabei nicht verändert?

Wir haben einen Vakuumsack ins Boot gelegt, der gegen die Wand drückt und so die Form beibehält. Anschließend haben wir den Sack durch die Einstiegsluke herausgezogen. Auf diese Weise haben wir zwei völlig identische und perfekt auf mich abgestimmte Boote gefertigt. Sie waren wie aus einem Guss und qualitativ sehr hochwertig. Der Werkstoff war noch leichter, und das bei noch höherer Festigkeit.

Was hat Sie an der Arbeit mit Kunststoff so fasziniert?

Die Optionen, die sich mit dem Material im Leichtbau ergeben. Die Möglichkeiten im Fertigungsprozess sind vielfältig, und dies eröffnet wiederum ganz neue Chancen in der Formgebung. Diese Wechselwirkung macht es so reizvoll. Kunststoff ermöglicht einfach unglaublich viel.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio haben Sie die Seiten gewechselt und waren für das Kursdesign der Strecken verantwortlich. Worauf kommt es dabei an?

Meine Aufgabe war es, die Tore auf der Strecke zu setzen und damit den Kurs vorzugeben. Dabei galt es, die Charakteristik des jeweiligen Kanals mit seinen Strömungen und Wellen zu berücksichtigen. Die Herausforderung bestand darin, den besten Kajakfahrern gerecht zu werden, zugleich aber die schwächeren nicht zu überstrapazieren. Ein schmaler Grat, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man es Sportlern nur selten recht machen kann. Zudem musste ich Rücksicht auf die Kampfrichter und die TV­Anstalten nehmen. Das TV will spektakuläre Bilder, die Kampfrichter aber gut einsehbare Tore, was bei den enormen Wellenbewegungen nicht so einfach ist.

Die Wettkämpfe finden schon lange auf künstlichen Strecken statt. Beim Bau neuer Strecken spielt Kunststoff ebenfalls eine große Rolle.

Das stimmt. Riesige Kunststoffwände erzeugen die charakteristischen Strömungen und Strudel. Was im TV dann so aussieht wie Felsbrocken, sind tatsächlich nur Kappen, die auf diesen Wänden stecken. Mit den Wänden lässt sich die Charakteristik des Kurses ganz bequem verändern. Sie werden wie beim Lego umgesteckt oder auf einem Schienensystem verschoben. Das geschieht zwar lediglich einbis zweimal im Jahr, macht es für die Fahrer aber abwechslungsreich und damit spannend.

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Kunststoff ist leicht, dennoch stabil und unglaublich formbar. Seine Materialeigenschaften passen sich perfekt an das Produkt an.

Thomas Schmidt, Olympiasieger im Kayak 2000 in Sydney

Leichte Beute: Ein Profi-Kayak wiegt keine fünf Kilogramm.

Sie haben sich nach Ihrer Sportkarriere beruflich auf den Leichtbau und dort auf die Luft- und Raumfahrt fokussiert. Welche unschlagbaren Vorteile hat Kunststoff dafür?

Neben Aluminium ist Kunststoff der Leichtbauwerkstoff schlechthin. Während Aluminium allerdings aufwändig behandelt werden muss, um nicht zu rosten, spielt Korrosion bei Kunststoff natürlich überhaupt keine Rolle. Wie bereits erwähnt – Kunststoff ist leicht, dennoch stabil und unglaublich formbar. Er lässt sich weben, flechten, laminieren. Seine Materialeigenschaften passen sich perfekt an das Produkt an.

Als Leistungssportler haben Sie viel in der Natur trainiert: Ist Ihnen dabei Plastik auch als Problem aufgefallen?

Oh ja. Wir Kanusportler trainieren ja nicht nur auf künstlichen Strecken, sondern auch in Flüssen oder im Gebirge. In Ballungsräumen ist das Müllproblem präsenter als in den Bergen. Unser Ziel lautet, die Strecken, auf denen wir paddeln, für den Sport zu nutzen und sie nicht zu verschmutzen. In meinen Vereinen gab und gibt es immer einen Umwelttag, an dem wir Müll und Plastik im Bereich der Strecken gesammelt haben. Es ist schon erschreckend, was da zusammenkommt.

Sie arbeiten heute für den internationalen Technologiekonzern KUKA. Welche Rolle spielt hier der Kunststoff, und welche Anstrengungen gibt es in puncto Nachhaltigkeit?

Kunststoffe sind aus den KUKA-­Produkten nicht wegzudenken. KUKA hat es sich aber in seinem Nachhaltigkeitsbericht auf die Fahnen geschrieben, in der Produktion – wenn möglich – auf recyceltes Material zurückzugreifen beziehungsweise recyclingfähige Kunststoffe einzusetzen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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