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16.04.2020

Wind zu Wasserstoff

Dänemark will bis 2050 klimaneutral werden. Zentraler Baustein dabei: Hochsee-Windparks. Mit ihnen will das Land sogar einen Energieüberschuss erzielen. Er soll genutzt werden, um einen grünen Energieträger herzustellen – Wasserstoff.

Klimaneutral bis 2050 – in fast allen Ländern Europas liegen mittlerweile entsprechende Pläne in der Schublade, zusätzlich unterstützt durch den jüngst beschlossenen „Green Deal“ der Europäischen Union. Allerdings fußen einige dieser Pläne auf dem Gebrauch von Nuklearenergie oder dem Handel mit internationalen Emissionsrechten. Dänemark geht einen Schritt weiter: Das nordeuropäische Land will seinen Energiebedarf ausschließlich mit erneuerbaren Energien decken. Schon 2030 sollen große Teile klimaneutral produziert werden. Mehrere aufeinanderfolgende Fünf-Jahres-Ziele sind ebenso ambitioniert gesetzlich festgeschrieben. Ein entsprechendes Rahmengesetz, das im Dezember 2019 verabschiedet wurde, ist auch für künftige Regierungen verbindlich. Fast das gesamte Parlament stimmte für dieses Gesetz: 167 von 179 Abgeordneten.

Pionier für Windkraftanlagen

Dabei startet Dänemark nicht bei null: Schon in den 90er Jahren gehörte das Land zu den Windkraft-Pionieren, heute stammen über 40 Prozent des benötigten Stroms aus Windrädern. Über 7.000 Kilometer Küste verfügt das Land, das fast komplett von Meer umgeben ist. Ideale Bedingungen für Hochsee-Windparks, die jetzt schon 1.700 Megawatt produzieren – ein weiteres Dutzend ist in Planung. Darunter ein besonderes Projekt des dänischen Energiekonzerns Orsted. Orsted gehört zum Teil dem dänischen Staat und war noch vor einem Jahrzehnt ein Unternehmen, das vor allem Strom und Wärme aus fossilen Brennstoffen gewann. Mittlerweile ist es Weltmarktführer im Bereich Offshore-Windenergie und hat sämtliche eigenen Zielvorgaben beim Wandel zum klimaneutralen Energie-Hersteller längst überholt: 2025 will Orsted komplett auf fossile Energieträger verzichten.

Im vergangenen Jahr präsentierte Orsted seinen Plan für einen auch nach aktuellen Standards gigantischen Windpark: 4 bis 5 Gigawatt soll er auf hoher See produzieren. Zur buchstäblichen Zentrale mitten im Meer soll die dänische Insel Bornholm werden. Im Dezember 2019 setzte die Regierung sogar noch einen drauf: Dänemarks Klima- und Energieminister Dan Jørgensen verkündete den Plan einer künstlichen Insel mit Hochsee-Windparks im Umfang von bis zu 10 Gigawatt. Beide Projekte stellen alle aktuellen Größenordnungen in den Schatten, die derzeit weltgrößte Offshore-Anlage kommt auf etwas mehr als ein Gigawatt.

Der Clou an der Sache: Die riesigen Anlagen sollen auch dann weiterproduzieren, wenn zu viel Strom ins Netz eingespeist wird. Anders als viele bisherige Windparks sollen sie ihre Produktion nicht drosseln – sondern stattdessen einen Teil für Elektrolyse aufwenden, und dadurch Wasserstoff produzieren. Wasserstoff wiederum lässt sich bei Bedarf deutlich bequemer speichern als Strom: In Gasleitungen, Tanks oder auf Schiffen. Je nach Bedarf könnte der Windpark dann flexibel für beides sorgen, für Wasserstoff und Strom.

Doppelte Herstellung

Damit könnte ausreichend Wasserstoff zur Verfügung stehen für all jene Transportmittel, die voraussichtlich auch in Zukunft nicht besonders praktikabel zu elektrifizieren sind: Schiffe, Flugzeuge oder Lastwagen. Eine einzige „Energy Island“ dieser Größe würde damit nicht nur theoretisch für sämtliche dänischen Haushalte Strom liefern, selbst unter Berücksichtigung steigenden Strombedarfs durch E-Mobilität – sie könnte zusätzlich noch mindestens eine Million Haushalte mit Wasserstoff versorgen. Nicht zufällig liegt die Insel Bornholm außerdem strategisch günstig nahe an den Küsten von Deutschland, Schweden und Polen – auch ein Energie-Export wäre also möglich. Ein konkreter Standort für das Projekt der Regierung steht noch nicht fest.

Es ist prinzipiell bereits möglich, Wasserstoff aus Windkraftanlagen zu produzieren. Derzeit wird es aber kaum angewendet, weil beim Prozess vergleichsweise viel Energie verloren geht und auch die Kosten nicht gerade gering sind. Die Hoffnung der Planer allerdings: Bei entsprechenden Größenordnungen und angesichts des zu erwartenden technischen Fortschritts würde sich das ändern. Auch die dänische Regierung hat bereits explizit Geld beiseitegelegt, um eine Wasserstoffproduktion durch Windparks zu erforschen. Einen marketingfähigen Begriff gibt es mittlerweile in der Branche für die Technologie auch schon: „W2H2“, was zwar als chemische Formel keinen Sinn ergibt, aber als Abkürzung steht für „Wind to H2“ – Windkraft zu Wasserstoff.


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