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Vienna
11.08.2020

Wiener Walzer

Das Internationale Wiener Motorensymposium galt lange Zeit als Hort der Verbrennungsmotorenentwicklung. Der Umgang mit alternativen Antriebskonzepten spiegelt die Strukturen einer Branche wider, die sich angesichts des Klimawandels im Umbruch befindet. Die Brennstoffzelle ist das Top-Thema im Jahr 2021.

Eine Gruppe chinesischer Touristen, mit Kopfhörern behängt, folgt einer zierlichen Frau, die in ein Mikrofon spricht. Am Michaelerplatz, dort wo die Fiaker stehen, halten sie an. Vermutlich geht es der Führerin aber nicht um die ausharrenden Pferde, sondern um die mitten auf dem Platz offenliegenden Grundmauern einer römischen Lagervorstadt, längst Geschichte, wie so vieles in dieser Stadt. Zwischen den Gästen aus dem Fernen Osten bahnen sich anzugtragende Männer mit Namensschildern am Jackett den Weg. Ihr Ziel ist die Hofburg nebenan, genauer gesagt der rund 1.000 Quadratmeter große Festsaal, der nicht nur für festliche Ballabende, sondern auch für internationale Kongresse genutzt wird. Seit 40 Jahren, immer Ende April, wenn in Wien die Kastanienblüte beginnt, findet hier das Internationale Motorensymposium statt.

Lange wurden Alternative Antriebe hier nicht wirklich ernst genommen.

Professor Dr. Eberhard Bock, Leiter Advanced Product Technology bei FST

Professor Dr. Eberhard Bock erinnert sich noch gut an seinen ersten Besuch vor mehr als zehn Jahren. „Als junger Ingenieur und einfacher Teamleiter war ich beeindruckt davon, dass sich hier das Who is who der Automobilindustrie trifft“, sagt Bock, der mittlerweile den Bereich „Advanced Product Technology“ von Freudenberg Sealing Technologies verantwortet. „Damals hatte ich das Gefühl: Wenn du hier mal vortragen darfst, dann hast du es geschafft.“ Tatsächlich gilt die Wiener unter den zahlreichen Tagungen, die sich mit Antriebstechnik beschäftigen, als die bei Weitem elitärste. Manche sprechen sogar vom „Opernball der Motoreningenieure“. Mit aufwendigen Animationen erläutern Entwicklungschefs die Technikdetails neuer Motoren vom Drei- bis zum 16-Zylinder. Eine neue Kolbenmuldenform, eine neue Kühlkanalführung, nichts ist zu unwichtig, um nicht das unmissverständliche Signal zu senden: Wir bauen die besten Motoren der Welt. Auch die großen Zulieferer kommen in Wien von jeher nicht nur als Aussteller zum Zug, sondern dürfen nach strenger Prüfung auch neue Technologien vorstellen. 2014 stellt Bock hier erstmals die reibungsfreie Levitex-Dichtung vor.

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Neue Wege: Quo Vadis Wiener Motorensymposium?

E-Mobilität lange Nischenthema

Als 2009 der 95-Gramm-Flottengrenzwert für CO2 angekündigt wird, zeigt sich die Mehrzahl der Vortragenden in Wien noch überzeugt: Dem Verbrennungsmotor gehöre die Zukunft. Elektromobilität sei ein Nischenthema. Es sind zunächst einzelne Vortragende, die aus dem Mantra ausbrechen, etwa der Bosch-Chef Volkmar Denner, der in seinem Eröffnungsvortrag 2013 einräumt, dass Zwei-Tonnen-SUVs ohne Elektrifizierung künftig keine Chance mehr haben, die gewichtsspezifischen Grenzwerte zu erreichen. Zwei Jahre später wird klar, dass der bis dato zur Verbrauchsmessung verwendete Fahrzyklus geändert wird. Daher diskutieren die Experten auf dem Symposium über Gegenmaßnahmen wie variable Verdichtung und Zylinderabschaltung. BMW-Vorstand Klaus Fröhlich resümiert am Ende der Tagung: „Mit den neuen Emissionsbestimmungen nähern sich die Kosten für Verbrennungsmotoren und Elektroantriebe einander an, leider auf dem falschen Niveau.“

Seit 2019 ist mehr als jeder zweite Vortrag einem Hybrid- oder batterielektrischen Antrieben gewidmet.

2016 ist die Debatte um die Zukunft des Diesels in vollem Gang, auch weil künftig nicht nur die Emissionen auf dem Prüfstand, sondern im realen Fahrbetrieb zulassungsrelevant sein sollen. In der Hofburg ist davon wenig zu spüren. Mercedes-Benz stellt einen Vierzylinder- Diesel vor, der aufgrund seines Brennverfahrens und einer sehr motornahen Abgasreinigung die Zukunft des Selbstzünders sichern soll. BMW kontert mit einem Sechszylinder-Diesel, der mit insgesamt vier Turboladern auf eine Nennleistung von fast 300 Kilowatt kommt. Und Audi stellt die neue V8-Dieselgeneration vor, deren Drehmoment von bis zu 900 Newtonmeter auch für einen Zwölftonnen-Lkw ausreichen würde. Nur Gilles Le Borgne, der damalige Entwicklungschef von PSA, plädiert für mehr Ehrlichkeit und zeigt Verbrauchsmessungen, die in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation „Transport and Environment“ auf öffentlichen Straßen entstanden sind. Die Ehrlichkeit schmerzt: Der Peugeot 308 mit 1,6-Liter-Dieselmotor, offiziell mit 3,2 Liter auf 100 Kilometer ausgewiesen, verbraucht unter den neuen Bedingungen 5,0 Liter. „Politisch unklug“ sei der Vortrag gewesen, heißt es anschließend auf den Gängen der Hofburg.

Ein weiteres Jahr darauf reagieren auch andere Hersteller. Fritz Eichler, der wenig später in die Fahrwerkentwicklung wechseln wird, stellt das künftige Dieselaggregate-Programm von Volkswagen vor. Der kleine Dreizylinder-TDI fliegt aus dem Programm, fortan beginnt die Welt der Selbstzünder bei Volkswagen mit einem Hubraum von 1,6 Litern. Auf Übertreibungen will man in Wolfsburg künftig verzichten: Der wenige Jahre zuvor ebenfalls in Wien angekündigte Kraftprotz mit einer Literleistung von 100 Kilowatt wird ebenso wenig realisiert wie die Kombination mit einem Zehngang-Doppelkupplungsgetriebe. Doch Vorträge zu neuen alternativen Antrieben finden, wie all die Jahre zuvor, weiterhin hauptsächlich im kleinen Saal nebenan statt.

Aufbruchstimmung

2019 wendet sich das Blatt schließlich, mehr als jeder zweite Vortrag ist entweder Hybrid- oder rein batterieelektrischen Antrieben gewidmet. Während sich vor der Hofburg Fridays-for-Future-Anhänger zu einer Demonstration versammeln, beginnt Andreas Trostmann, Produktionsvorstand von Volkswagen, seinen Abschlussvortrag mit einem Greta-Zitat. Allein das batterieelektrische Fahrzeug verspreche eine schnelle Lösung auf dem Weg zu klimaneutralen Antrieben, so Trostmann. Sein Entwicklungskollege Frank Welsch hatte am Vortag den Elektroantrieb des ID.3 genauso vorgestellt, wie es früher nur den Verbrennern vorbehalten war: im großen Saal, mit aufwendigen Technikanimationen und stolzgeschwellter Stimme.

Ob Wien seine Rolle als führendes Symposium für die Antriebstechnik behalten wird, ist trotzdem nicht ausgemacht. BMW, Daimler und Volkswagen haben ihre Präsenz bereits deutlich reduziert. „Lange wurden alternative Antriebe hier nicht wirklich ernst genommen“, sagt Eberhard Bock. „Erst jetzt wurde der Hebel umgelegt.“ Ob der Anpassungsprozess gelingt, dürfte auch davon abhängen, wer den Takt auf dem Opernball vorgibt: Im vergangenen Jahr übernahm Bernhard Geringer, Professor an der Technischen Universität Wien, die Leitung des Symposiums. Er sagt: „Der Verbrennungsmotor ist sicher nicht im Sterben oder tot. Aber die Vielfalt an neuen reinen Verbrennungsmotorantrieben wird sinken, und die Hybridisierung, die Kombination von Verbrennungsmotor mit Elektroantrieb, wird zunehmen.“

Der virtuelle Kongress

Die dramatische Entwicklung der Corona-Pandemie holte im April 2020 auch Bernhard Geringer und seine Mitstreiter ein. Erstmals in der langen Geschichte des Symposiums blieben die Türen der Wiener Hofburg verschlossen, der Kongress zog kurzerhand in die digitale Welt um. Was die Veranstalter im April zutiefst bedauerten, hat für Ingenieure und Entwickler auch einen Vorteil: die Vorträge der 41. Ausgabe sind nach wie vor auf der Webseite des Motorsymposiums verfügbar. Und sie zeigen den strukturellen Wandel, der in der Fahrzeugindustrie auch 2020 vor sich geht. Die Vorbereitungen für das 42. Internationale Wiener Motorensymposium vom 28. bis 30. April 2021 laufen auf Hochtouren. Die Brennstoffzelle sowie Batterie- und Hybridtechnologien sind mehr denn je die Themen der Stunde. Bis zum 30. September 2020 läuft die Frist, innerhalb derer unveröffentlichte Beiträge eingereicht werden können. In der guten Hoffnung sich im nächsten Frühjahr wieder persönlich in der altehrwürdigen Wiener Hofburg versammeln zu können.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und –märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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