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04.05.2020

"Es gibt eine Zeit für Erfindungen"

Wie umgehen mit Wandel? Zwei Führungskräfte von Freudenberg Sealing Technologies (FST), Claudio Zoppi, Vice President am Standort Pinerolo (Italien) und Melanie Schneider, Vice President Sales, sprechen über Brüche, Innovation – und die Zukunft alternativer Antriebe.

Frau Schneider, Herr Zoppi, reden wir über Wandel.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seit dem Berufsstart verändert?

Zoppi: Nun, damals gab es keine Computer, das ist die offensichtliche Veränderung. Viel spannender finde ich aber, wie sich die Art und Weise, wie Menschen arbeiteten, verändert hat: Die Geschwindigkeit, mit der wir heute kommunizieren. Die Frequenz von Besprechungen, E-Mails, Informationen. Was früher in einer Woche passiert ist, passiert heute an einem Tag.

Schneider: Ich bin jetzt auch schon seit 20 Jahren bei Freudenberg Sealing Technologies, und in dieser Zeit wurde alles schneller und komplexer. Heute arbeitet eigentlich jeder Mitarbeiter global. Jeder muss Zeitzonen oder interkulturelle Projekte im Blick haben.

Ändert das auch den Führungsstil?

Schneider: Sicherlich. Früher galt „Command and Control“. Heute gibt es viel mehr Informationen, man kann gar nicht mehr alles selbst wissen. Jeder von uns ist gewissermaßen ein Sensor in einer komplexen Welt geworden. Und für eine Führungskraft ist es wichtig, auch die leisen Signale zu erfassen.

Zoppi: Das ist ein schönes Bild. Ich musste auch die Reichweite und Ausrichtung meiner Antennen verstärken. Zum Beispiel auch auf andere Kulturen. Manchmal bedeuten Details für Sie selbst gar nichts, in anderen Ländern aber sehr wohl. Ich bin sicher, dass ich manchmal viel zu hastig war in Besprechungen.

Schneider: Und das ist eine große Herausforderung! Sich im richtigen Moment die Zeit zu nehmen, die es braucht, um insgesamt schneller zu werden.

Zoppi: Ja, wenn man behutsamer vorgeht, ist man eher am Ziel.

Fehler sind notwendig, um zu lernen.

Claudio Zoppi, Vice President Freudenberg Sealing Technologies, Werk Pinerolo (Italien)

Warum fällt Menschen der Wandel oft so schwer?

Zoppi: Die Komfortzone zu verlassen ist immer unangenehm. Es ist menschlich, dass man es vorzieht, in der sicheren Schutzzone zu bleiben. Als Unternehmen müssen wir Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen. Mitarbeiter, die immer fürchten, dass ihre Vorgesetzten sie kritisieren, werden auch immer in ihrer Komfortzone bleiben. Aber dann wachsen sie auch nicht, sie entwickeln sich nicht, sie werden niemals innovativ sein.

Engagiert bei der Sache: Melanie Schneider im Gespräch mit der ESSENTIAL-Redaktion

Nun, niemand macht gerne Fehler.

Zoppi: Aber Fehler sind notwendig, um zu lernen!

Schneider: So funktioniert auch wissenschaftlicher Fortschritt: Über Versuche wird getestet, was nicht funktioniert, um zu beweisen, was möglich ist. Aber wer gar nicht erst losgeht, der wird auch nicht ankommen. Das ist übrigens ein starkes Argument für Diversität: Je mehr unterschiedliche Menschen involviert sind, desto unterschiedlicher die Ideen.

Zoppi: Jede Veränderung kostet. Aber wir gewinnen dabei auch immer!

Schneider: Guter Punkt. Wir geben zwar etwas ab, bekommen aber auch etwas hinzu.

Zoppi: Und loslassen ist immer schwierig. Da sind wir wieder bei dem Management-Wandel: Für viele Führungskräfte war und ist es sicherlich schwierig, Macht abzugeben. Erst recht, wenn sie noch nicht verstanden haben, wie viel mehr Möglichkeiten sie dadurch am Ende gewinnen.

Wäre es trotzdem für Unternehmen rational nicht viel sinnvoller, weiterhin das zu machen, was sie am besten können?

Zoppi: Wenn Tiere immer zum selben Wasserloch gehen, und das Wasserloch trocknet aus, verdursten sie. Man muss beizeiten nach anderen Wasserquellen suchen. Langfristig ist die Komfortzone sogar richtig gefährlich für uns.

Schneider: Der Weg zur Innovation kann beschwerlich sein. Umso mehr braucht es dann jemanden, der die Mitarbeiter ermutigt. Auch das ist ja einer der Gründe, warum agiles Arbeiten heute so populär ist: Erreichbare Etappenziele, ein Schritt nach dem anderen.

Zoppi: Und das sollte dann auch gewürdigt werden. Viele Mitarbeiter und auch Vorgesetzte glauben häufig, wenn etwas erfolgreich gelaufen ist, war das eben der Job. Nein, das ist der Punkt, an dem der Vorgesetzte auch seinen Mitarbeitern mal gratulieren darf. Der Punkt, an dem es auch mal gemeinsam etwas zu feiern gibt.

Schneider: Viele Menschen sind ihre schärfsten eigenen Kritiker. Was nützt es da, wenn ich als Vorgesetzte noch zusätzlich kritisiere? Wenn ein Mitarbeiter Selbstreflexion hat und zeigt, ist es doch viel besser, ihn zu ermutigen.

Es ist menschlich, lieber in der Schutzzone zu bleiben.

Melanie Schneider, Vice President Sales, Freudenberg Sealing Technologies

Klare Ansichten: Claudio Zoppi zu Besuch bei FST in Weinheim (Deutschland)

Wie würden Sie die aktuelle Situation rund um alternative Antriebe beschreiben?

Schneider: Der Markt wird derzeit komplett durcheinander geschüttelt. Ich bin wirklich neugierig, was die nächsten Jahre bringen werden. Früher hatte jeder sein eigenes Auto, künftig wollen Menschen vielleicht Car-Sharing betreiben. Es ist so viel Bewegung in diesem Feld. Das spürt man auch hier bei Freudenberg Sealing Technologies, wo wir mit den Übernahmen des Batterieherstellers XALT Energy und des Brennstoffzellenexperten Elcore einen großen Schritt gemacht haben.

Zoppi: Mich erinnert das alles an das erste iPhone, das mein Sohn gekauft hat. Ich war damals überzeugt, dass das etwas ist, was ich niemals brauchen würde! Und natürlich habe ich heute ein Smartphone. Selbst diejenigen, die noch vor kurzem gesagt haben, sie wollen kein Elektroauto, werden sich eines kaufen.

Schneider: Ich bin auf dem Land aufgewachsen und für mich war der Führerschein noch das Ticket zur Freiheit. Aber ich glaube nicht, dass das für die nächste Generation noch so gelten wird. Da wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren ganz viel passieren.

Zoppi: Alle diese Fragen, die wir uns heute stellen, über Infrastruktur und Reichweite – woher wissen wir denn, ob die kommende Generation Autos genauso nutzen wird, wie wir sie immer genutzt haben?

Schneider: Es ist ein Paradigmenwechsel, die Menschen kaufen Mobilität, nicht Autos.

Zoppi: Wir machen Dinge mit dem Smartphone, an die wir vor ein paar Jahren noch gar nicht gedacht haben. Deswegen werden auch Entwicklungszeiten immer kürzer. Niemand kann sich leisten, etwas über Jahre hin zu entwickeln, denn wenn er fertig ist, haben sich die Anforderungen schon längst wieder geändert. Denken Sie an die Brennstoffzelle – die hat als Antrieb das Potenzial, das komplette Design eines Autos zu verändern.

Sie sagen, der Durchbruch des Elektromotors stehe kurz bevor. Aber der Elektromotor ist ja über hundert Jahre alt. Sein Durchbruch wurde mehrmals angekündigt und kam dann doch nicht.

Zoppi: Es gibt immer eine Zeit für Erfindungen. Künstliche Intelligenz gibt es auch schon sehr lange. Aber die Möglichkeiten dafür waren noch nicht da. Heute erst verfügen wir über die Rechnerleistung für neuronale Netzwerke, plus Cloud und Big Data. Und so ähnlich ist es mit Elektroantrieben.

Haben die Automobilhersteller verstanden, dass sie sich ändern müssen?

Schneider: Das glaube ich schon. Natürlich können sie immer noch das machen, was sie schon heute am besten können. Auch wir bei Freudenberg Sealing Technologies werden weiterhin auf unsere Stärken setzen. Aber wir schauen trotzdem voraus.

Zoppi: Ein Unternehmen kann sich auf den Wandel vorbereiten. Es bringt keinen Nachteil, Änderungen zumindest zu durchdenken. Vielleicht gibt es Auto-Manager, die aktuell noch öffentlich sagen, dass sie nicht an einen schnellen Wandel glauben – aber im Hintergrund bereiten sie sich garantiert vor. Es ist wie mit der Ketchup-Flasche: Sie wissen nie, wie viel Ketchup rauskommt, und wann. Aber was die Elektromobilität angeht, wird die Flasche gerade richtig heftig geschüttelt.

Vieles davon erinnert an die Freudenberg-Geschichte, bei der auch ein Unternehmen als Gerberei begann und sich wandelte bis hin zu Hochleistungs-Kunststoffen. Spielt so etwas im Alltag eine Rolle?

Schneider: Wir führen Kunden gerne in unsere Unternehmensausstellung, um ihnen zu verdeutlichen: Wir haben schon sehr viel Wandel durchlebt. Wir haben bewiesen, dass wir das können.

Zoppi: Ich finde, Freudenberg stellt das noch immer täglich unter Beweis. Wir sind auch jetzt bereit, uns zu wandeln.

Schneider: Und das spürt man auch. Dass das Unternehmen zum Beispiel bereit war, so viel in das Thema Brennstoffzelle zu investieren, oder in Batterien. Wir sind bereit, neue Dinge zu tun. Das ermutigt Mitarbeiter. Es ist ein Signal. Es macht uns auch stolz, gemeinsam mit dem Unternehmen vorwärts zu gehen.

Es ist wie mit der Ketchup-Flasche: Sie wissen nie, wie viel Ketchup rauskommt, und wann. Aber was die Elektromobilität angeht, wird die Flasche gerade richtig heftig geschüttelt.

Claudio Zoppi, Vice President Freudenberg Sealing Technologies, Werk Pinerolo (Italien)

Sie haben also keine Angst vor dem Wandel?

Zoppi: Nein, im Gegenteil, ich finde, wir leben in spannenden Zeiten. Ich möchte das gerne noch so lange wie möglich verfolgen.

Wann kaufen Sie sich ein Elektroauto?

Zoppi: Ich denke, schon mein nächstes Auto könnte ein Hybrid werden.

Schneider: Mein nächstes Auto wird auf jeden Fall ein E-Fahrzeug sein. Wenn ich mir überhaupt noch eines zulege. Vielleicht brauche ich gar kein eigenes mehr.

Zoppi: Moment, das kannst du nicht tun, wir müssen immer noch Dichtungen verkaufen!

Schneider: Stimmt. Aber vielleicht in anderen Anwendungen.

Zoppi: (lacht) Sehen Sie, das fasst die Situation rund um Elektromobilität sehr gut zusammen. Ich habe gehört, ein Bambus wächst anfangs komplett unauffällig. Erst beschäftigt er sich damit, Wurzeln zu schlagen, und bleibt unscheinbar. Und plötzlich schießt er in die Höhe und breitet sich aus.

Schneider: Wir brauchen Geduld. Wie in dem Sprichwort: „Man kann Gras nicht aus dem Boden ziehen.“ Wir können aber den Boden dafür vorbereiten. Das tun wir derzeit.

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