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 Korean-eaves

„Durch Korea ist ENGEL global geworden“

Nicht nur Großkonzerne stellen sich heute international auf, auch kleine und mittelständische Unternehmen gründen Produktionsstandorte im Ausland. Der Maschinenbauer ENGEL wagte früh den Weg nach Asien. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig.

Es war Ende der achtziger Jahre kein gewöhnlicher Schritt für ein mittelständisches Unternehmen, nach Asien zu gehen. Ähnlich ungewöhnlich war es wohl, einen 27-Jährigen zum Leiter dieser ersten Niederlassung in Hongkong zu machen. Robert Bodingbauer zog als junger Mitarbeiter auf den anderen Kontinent und ist dort geblieben. Heute ist er Geschäftsführer von ENGEL Machinery Korea und erhielt vor einigen Jahren für seine Arbeit vor Ort den Presidential Citation Award, die höchste zivile Auszeichnung in Korea. Allerdings: „Der Start war holprig“, sagt er rückblickend.

Abendstimmung in Seoul: etwa eine Bahnstunde von der Hafenstadt Pyungtaek, Standort des ENGEL Werks. © ENGEL/Istockphoto: Cellena; efired

Als Bodingbauer in Hongkong ankam, sprach er wenig Geschäftsenglisch und stellte zudem fest, dass es gar nicht so einfach war, Geld von Österreich nach Hongkong zu überweisen – auch noch bis in die neunziger Jahre. Das mag heute anders sein, aber noch immer gilt: Gerade für mittelständische Unternehmen bedeuten Auslandsinvestitionen eine finanzielle und planerische Herausforderung. „Das richtige Team ist entscheidend, das ist der Grundstein“, sagt Bodingbauer, der von ENGEL von Hongkong aus in das 2001 eröffnete erste asiatische Produktionswerk der Unternehmensgruppe nach Korea gesandt wurde: „Ein Produktionsleiter, ein Vertriebsleiter und ein Finanzleiter, denen man vertrauen kann – so schaffen Sie alles, auch wenn Sie die Landessprache nicht sprechen.“ Der Österreicher hat offenbar ein besonderes Gespür bei Personalwahl und Menschenführung: Heute ist das Korea- Team auf etwa 180 Personen angewachsen, davon sind noch rund 50 aus den Anfangstagen dabei. Bodingbauer ist der Einzige, der nicht aus Korea stammt.

Der indirekte Effekt für den Stammsitz

ENGEL entschied sich damals bewusst, in Korea Maschinen in der gleichen Qualität zu produzieren wie am Stammsitz im österreichischen Schwertberg. Die Firma stellt Spritzgießmaschinen und Automation her, unter anderem für die Automobilindustrie oder die Medizintechnik. „Manche Wettbewerber wollten vor Ort vereinfachte Maschinen fertigen lassen“, erzählt Bodingbauer. „Uns war klar, dass die lokalen Produzenten sowieso immer günstiger sein werden, wir also mit Technologie punkten müssen.“ Gleichzeitig führte der Standort in Asien dazu, sich mit „Lean Manufacturing“, schlanker Produktion, zu beschäftigen, die in Japan schon seit Jahrzehnten praktiziert wurde. „Da haben wir uns sehr früh sehr stark inspirieren lassen“, sagt Bodingbauer. „Der indirekte Effekt für das Gesamtunternehmen war gewaltig.“ Schließlich gelang es, vor Ort große koreanische Firmen als Kunden zu gewinnen, darunter Samsung oder den Mischkonzern LS Group.

Dabei ging es von Anfang an um mehr als um den lokalen Markt. Etwa 70 Prozent der in Korea hergestellten Maschinen werden nach China und andere asiatische Länder exportiert. „Global präsente Automobilunternehmen wie Hyundai oder Kia produzieren heute weltweit an ihren Standorten mit ENGEL-Maschinen“, sagt Bodingbauer. Denn wer sich einmal das Vertrauen der Firmenzentrale erarbeitet, löst Folgeeffekte aus: „Auch Fabrikmanager anderer Standorte sehen dann, dass unsere Maschine für die Teileherstellung pro Schuss nur eine Minute benötigt, während andere vielleicht anderthalb brauchen“, formuliert es Bodingbauer und fügt hinzu: „Technologischer Vorsprung hilft.“ 2005 gründete ENGEL auch in Schanghai eine Produktion, 2012 erreichten die Österreicher in Asien erstmals mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. Heute macht Asien etwa ein Viertel des weltweiten Umsatzes der Unternehmensgruppe aus. Auch chinesische Autozulieferer, die in Mexiko für den amerikanischen Markt produzieren, sind mittlerweile Kunden bei ENGEL. „Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten“, sagt Bodingbauer.

Enge Zusammenarbeit

In hydraulischen ENGEL Spritzgießmaschinen ist Freudenberg Sealing Technologies in vielen Dichtungspaketen im Einsatz – und ein wichtiger Lieferant auch bei Wellendichtringen. Einige Ideen wurden gemeinsam exklusiv für ENGEL entwickelt. Genauso nutzt Freudenberg aber auch die Produkte von ENGEL: Nicht nur Maschinen für den Mehrkomponenten-Spritzguss, sondern auch die Automatisierungslösungen, zum Beispiel im Application Center Integrated Precision Solution in Losenstein und Emmerich.

Expansion: 2013 feiert ENGEL die Erweiterung seines koreanischen Werks mit Kunden, Partnern und Lokalpolitikern.  © ENGEL/istockphot: Cellena; efired

Harte Arbeit: Vertrauen aufbauen

Dabei will der Österreicher gar nicht herunterspielen, dass gerade die ersten Jahre in Korea mühsam waren. „Vertrauen schafft man nicht von einer Minute auf die andere“, sagt er. „Gerade als ausländische Firma, und als die werden wir bis heute gesehen, selbst wenn ich der einzige Europäer am Standort in Korea bin.“ Asien ist ein großer, vielfältiger Kontinent, und seine jahrelange Erfahrung aus der Zeit in Hongkong war für Bodingbauer in Korea nur bedingt von Vorteil. Die Korea International Trade Association habe als Türöffner anfangs sehr geholfen, betont Bodingbauer. „Ohne die hätten wir uns bei den vielen Formalitäten viel schwerer getan.“ Der zweite wichtige Faktor: „Respekt“, antwortet der Österreicher schlicht. „Du darfst nie vergessen, dass du ein Besucher im Land bist. Das Wissen über das Gastland und dessen Geschäftskultur kann man sich aneignen, aber den Respekt vor Kultur und Menschen muss man mitbringen.“

Nicht jeder könne das, hat Bodingbauer beobachtet. Zweifellos, auch Korea verändere sich durch die Globalisierung: „Kulturen wachsen zusammen, die junge Generation denkt anders als ihre Eltern“, sagt Bodingbauer. Trotzdem dürfe man niemals annehmen, dass die eigenen kulturellen Erwartungen und Moralvorstellungen auch im Ausland greifen. Auch die Entscheidung von ENGEL, gleiche Qualitätsmaßstäbe in Asien anzulegen, basiere auf Respekt. Heute steigen die Anforderungen an qualitativ hochwertige Produkte und innovative Technologien gerade in Asien. Länder wie Korea, Japan oder China seien sehr aufgeschlossen gegenüber Robotik und Automatisierung. Und längst fertigt ENGEL auch Großmaschinen oder Spezialmaschinen an den asiatischen Standorten. „Die Herstellungskosten sind gleich“, sagt Bodingbauer. Zusatzkosten wie Zölle und Transportkosten für Komponenten aus Österreich werden durch lokale Bauteile und die schlankere Organisation vor Ort wieder ausgeglichen. Der immense Vorteil gegenüber den Wettbewerbern lag von Anfang an bei den kürzeren Lieferzeiten innerhalb Asiens. „Da waren wir zeitweise sechs bis acht Wochen schneller als die Mitbewerber“, erzählt Bodingbauer.

Einem Kunden aus Neuseeland ist es egal, ob die Maschine aus Europa oder aus Asien kommt.

Von selbst: ENGEL entwickelt prozessintegrierte automatisierte Spritzgießlösungen (unter anderem für Laptop-Cover). © ENGEL/istockphoto: Cellena; efired

Risikostreuung für die Kunden

Die Corona-Pandemie 2020 hat diese Vorteile sogar noch deutlicher hervortreten lassen. Die aktuell an vielen Stellen aufflammende Diskussion über das Risiko von Lieferketten und „Lokalisierung statt Globalisierung“ übersieht nämlich laut Bodingbauer einen grundsätzlichen Punkt: „Wir bieten unseren Kunden Risikostreuung“, sagt der Österreicher: „Unsere Produktionsstandorte stützen sich gegenseitig.“ Wenn die Pandemie besonders stark in Europa wütet, kann Asien weiterhin produzieren oder liefern – und umgekehrt: „Einem Kunden aus Neuseeland ist es egal, ob die Maschine aus Europa oder aus Asien kommt.“

Was heute vor allem zählt, ist die Liefergeschwindigkeit. Und wenn einzelne Länder gegen andere Regionen Einreiseverbote verhängen, hat ENGEL dank der vielen Niederlassungen vielleicht doch noch einen Servicemitarbeiter, der von seinem Standort aus einreisen darf. „Für Wettbewerber, die stark zentralisiert sind, ist das tatsächlich schwieriger“, sagt Bodingbauer nachdenklich. Er behauptet nicht, schon 1986 globale Pandemien und komplexe Lieferketten vorausgesehen zu haben. Aber rückblickend war es in mehr als einer Hinsicht eine gute Entscheidung für das Unternehmen, den Weg nach Asien zu gehen: „Wir sind da wirklich gut aufgestellt.“


Dieser Beitrag stammt aus unserem Unternehmensmagazin „ESSENTIAL“, in dem wir kontinuierlich über Trends und Schwerpunktthemen aus unseren Zielindustrien und -märkten berichten. Weitere Beiträge des Magazins finden Sie hier.

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